Veranstaltungsbericht: „Frieden denken – Perspektiven jenseits der Kriegslogik“

2 Ansteckknöpfe von Kindern farblich bemalt. Links: Friedenstaube vor kriesförmigen Farbwwechseln. Rechts: Peace aufgeschrieben auf einem Berg von Peace zeichen vor Regegnbogenfarben

Die Veranstaltung „Frieden denken – Perspektiven jenseits der Kriegslogik“, organisiert von der Friedensakademie Rheinland-Pfalz in Kooperation mit ELAN – Entwicklungspolitisches Landesnetzwerk Rheinland-Pfalz e.V. und dem Eine-Welt-Promotor*innen-Programm, setzte sich mit aktuellen Herausforderungen der Friedenspolitik und der Rolle von Friedensbildung auseinander. Vor dem Hintergrund zunehmender globaler Konflikte, wachsender Aufrüstung und gesellschaftlicher Polarisierung diskutierten Referentinnen und Teilnehmende Möglichkeiten, Friedenslogiken zu stärken.


Globale Entwicklungen und friedenspolitische Herausforderungen
Ein einleitender Beitrag von Claudia Baumgart-Ochse (PRIF – Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung) zeichnete ein eindrückliches Bild des aktuellen Konfliktgeschehens. Die Zahl gewaltsamer Konflikte, konfliktbedingter Fluchtbewegungen und Todesopfer nimmt weltweit zu. Gleichzeitig zeigt sich ein Rückgang demokratischer Strukturen: Laut den präsentierten Daten erodiert inzwischen jede fünfte Demokratie. Auch Fortschritte bei den globalen Nachhaltigkeitszielen stagnieren oder gehen zurück. Diese Entwicklungen verdeutlichen, dass sich internationale Politik zunehmend an militärischer Sicherheit orientiert. Friedenspolitische Ansätze geraten dabei unter Druck, obwohl die Notwendigkeit ziviler Konfliktbearbeitung wächst.


Friedensbildung als Antwort auf Krisen
Im zweiten Vortrag stellte Nele Anslinger (gewaltfrei handeln e.V.) die Bedeutung von Friedensbildung in den Mittelpunkt. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass Gewaltfreiheit in Zeiten von Krieg und Aufrüstung oft als unrealistisch wahrgenommen wird. Anhand zentraler Konzepte – etwa der Gewaltdefinition von Johan Galtung (direkte, strukturelle und kulturelle Gewalt) – wurde verdeutlicht, dass Frieden mehr ist als die Abwesenheit von Krieg. Friedensbildung setzt hier an und umfasst drei Dimensionen: Friedenswissen (Verstehen von Konflikten), Friedenskompetenz (z. B. Perspektivwechsel, Ambiguitätstoleranz), Friedenshandeln (konkrete gewaltfreie Praxis). Ziel ist es, individuelle Konfliktfähigkeit und Dialogkompetenz zu stärken. Friedensbildung kann geopolitische Konflikte nicht direkt lösen, schafft jedoch wichtige Voraussetzungen für eine friedlichere Gesellschaft. Gerade angesichts von Militarisierung und Autoritarismus hält sie alternative Handlungslogiken offen.

Austausch und Gruppenarbeit: Perspektiven aus der Praxis
In der anschließenden Gruppenarbeitsphase reflektierten die Teilnehmenden die Vorträge und diskutierten Konsequenzen für ihre eigene Arbeit. Ein zentrales Thema war das Spannungsverhältnis zwischen Gewaltfreiheit und aktueller Aufrüstungspolitik. Viele Teilnehmende fragten, ob und wie beide Ansätze miteinander vereinbar sind und wo die Grenzen friedenspolitischer Konzepte liegen. Gleichzeitig wurde eine wachsende Kluft zwischen internationaler Politik und individueller Friedensfähigkeit wahrgenommen, die bei vielen ein Gefühl von Ohnmacht erzeugt.
Im Bildungsbereich wurde die Bedeutung von Friedensbildung besonders hervorgehoben. Diskutiert wurde, wie sie stärker in Lehrplänen verankert und praktisch umgesetzt werden kann – etwa durch mehr Raum im Unterricht, externe Angebote oder eine stärkere Förderung von Gemeinschaft und sozialem Lernen in Schulen.
Auch die Arbeit mit Jugendlichen spielte eine wichtige Rolle. Hier wurde betont, dass Friedensbildung nicht bevormunden dürfe, sondern differenzierte Perspektiven eröffnen müsse – insbesondere im Kontext aktueller Debatten wie etwa zur Wehrpflicht. Gleichzeitig wurde der Wunsch geäußert, friedenspolitische Positionen stärker in die Öffentlichkeit zu tragen, beispielsweise durch sichtbare Aktionen wie Friedensmärsche.
Weitere Diskussionen drehten sich um strukturelle Herausforderungen: Teilnehmende wiesen darauf hin, dass finanzielle Mittel für Entwicklungszusammenarbeit und Friedensarbeit teilweise gekürzt werden, obwohl der Bedarf steigt. Auch berufliche Perspektiven im Feld der Friedensarbeit wurden als unsicher beschrieben.
Darüber hinaus wurden gesellschaftliche Herausforderungen wie Rassismus und Antisemitismus thematisiert sowie die Frage, wie zivilgesellschaftliche Akteur*innen einer zunehmenden „Verteidigungslogik“ in Politik und Gesellschaft begegnen können.
In allen Gruppen zeigte sich ein großer Bedarf an Vernetzung, Austausch und Unterstützung. Genannt wurden unter anderem:

  • stärkere landesweite Vernetzung der Friedensbildungsakteur*innen in Rheinland-Pfalz,
  • Fortbildungsangebote – nicht nur für Fachkräfte, sondern auch für Familien und politische Entscheidungsträger*innen,
  • gemeinsame Entwicklung von Materialien,
  • frühzeitige Bildungsangebote bereits in Kita und Schule,
  • sowie mehr Raum für kreative und öffentlich sichtbare Aktionen.


Zugleich wurde der Wunsch geäußert, die Wirksamkeit von Friedensbildung stärker zu erforschen und sichtbar zu machen.

Fazit
Die Veranstaltung machte deutlich, dass Friedensbildung angesichts globaler Krisen wichtiger denn je ist – auch wenn ihre Wirkung oft indirekt bleibt. Sie stärkt individuelle und gesellschaftliche Voraussetzungen für einen konstruktiven Umgang mit Konflikten und bietet eine wichtige Gegenperspektive zu dominierenden militärischen Logiken. Gleichzeitig wurde deutlich, dass Friedensarbeit vor großen Herausforderungen steht: politisch, finanziell und gesellschaftlich. Umso wichtiger erscheinen Vernetzung, Sichtbarkeit und die kontinuierliche Weiterentwicklung von Ansätzen, die Frieden nicht nur als Ziel, sondern als gemeinsamen Lern- und Gestaltungsprozess begreifen.
 

2 Ansteckknöpfe von Kindern farblich bemalt. Links: Friedenstaube vor kriesförmigen Farbwwechseln. Rechts: Peace aufgeschrieben auf einem Berg von Peace zeichen vor Regegnbogenfarben