Öffentlichkeitswirksam?

Wie lässt sich die Chance der Friedensdenkschrift auf öffentliches Gehör vergrößern?

von Gerhard Vowe; 06. Februar 2026

Dieser Beitrag basiert auf Gerhard Vowes Impuls für die Tagung der Evangelischen Akademie „»Zeitenwende« in der Friedensethik? – Kritische Seitenblicke auf das Grundlagendokument der EKD“ am 30.1.26 in Landau.

Wie lässt sich die Chance vergrößern, dass die Botschaft vom Gerechten Frieden Gehör findet? Dass sie öffentlich bemerkt, erörtert, erinnert, bedacht wird? Meine Antwort: Jede Botschaft hat es heutzutage extrem schwer. Denn das Angebot an Botschaften steigt und steigt, und so wird die Aufmerksamkeit der Adressaten immer knapper. Aber: Die Chance auf Gehör könnte größer sein, wenn sich die Kirche stärker auf drei Spielregeln einließe, nach denen um öffentliche Resonanz gerungen wird (Vowe 2022). 

Wie? Regel zur Form

Die erste Regel betrifft das Wie der Botschaft. Die Form der „Denk-Schrift“ ist geprägt von einem calvinistischen Impetus. Sie folgt einem strikten Bilderverbot. Einzige Ausnahme ist die Origami-Taube auf dem Titelbild. Sonst nichts, was mit anderen Zeichen als dem Alphabet die Botschaft vermittelt. Ich rate dazu, es mit Luther zu halten. Der sah Bilder als „gleich-gültig“. Dabei habe ich nicht Schmuckbilder im Sinn, die auflockern sollen und damit ablenken. Ich denke an Sprachbilder, die das Gemeinte vor das innere Auge führen; an Grafiken, die Zusammenhänge klarer verdeutlichen als Worte; an Fotografien, die als Schlaglichter das Leiden und das Hoffen sichtbar machen. Eine Beschränkung auf das Wort war schon immer schwierig. Deshalb hat die Kirche ihre Botschaften immer auch durch Malerei und Musik vermittelt: „Jauchzet, frohlocket!“ Und heute, in einer multimedialen Welt, treibt diese Beschränkung die Vermittlungschance gegen Null – und das ohne Not. 

Dies ist nur eine Facette eines generellen Formproblems der Denkschrift, und zwar ihrer Uniformität. Sie bleibt ein einzelnes Kommunikat für die ganze Leserschaft. Allen wird dieser Text angeboten, und so muss er für alle passen. Die eine Uniform in drei Größen: Zusammenfassung, gefettete Merksätze, Volltext. Diese Uniformität war schon immer schwierig. Doch heutzutage erwarten Adressierte durchweg auf sie zugeschnittene Botschaften. Sicher: Jede Botschaft braucht einen klaren konsistenten Kern. Aber der kann adressiertengemäß spezifiziert werden. Das beginnt damit, Zugangsbarrieren zu senken und etwa eine Version in leichter Sprache zu formulieren. Oder gezielt am unterschiedlichen Vorwissen, Themeninteresse, politischen Standpunkt der sehr unterschiedlichen Adressierten anzuknüpfen, jeden also da abzuholen, wo er oder sie jeweils steht. Diese Variationen sind heute dank KI mit vertretbarem Aufwand machbar. 

Wenn man diese Erwartungen ignoriert, dann strebt die Chance auf Gehör in einer fragmentierten Öffentlichkeit gegen Null. 

Wer? Regel zur Beziehung von Sprechenden und Hörenden

Die zweite Regel betrifft das Wer der Botschaft, also die Beziehung von Sprechenden und Hörenden. In der Denkschrift treten die Sprechenden hinter den Schirm des Dokuments. Die Hörenden sehen sie nicht, nicht einmal ihr Gesicht. Das aber ist die Mindestvoraussetzung für Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Und nie sprechen die Sprechenden die Hörenden direkt oder indirekt an. Anders Paulus im Römerbrief. Und anders auch Nikodemus.AI, der Chatbot vom ERF Bibleserver[1]. Der bietet an: „Du kannst mich gerne etwas fragen.“ Die Denkschrift hingegen ist nicht dialogisch, sondern monologisch. Ja, sie ist in einem mehrjährigen Diskurs entstanden – mit Diskussionen auf den Synoden und Tagungen in Evangelischen Akademien. Aber letztlich bleiben Sprechende und Hörende strikt getrennt. Das ist jammerschade. Denn damit ignoriert man die ureigenen Möglichkeiten der Kirche, nämlich das Netzwerk der lokalen Gemeinden. Jeder Hörende, der in die Entstehung eingebunden wurde, wird damit zum Sprechenden und kann besser als jeder andere die Botschaft vermitteln. 

Ebenso wenig wird erkennbar, dass die Denkschrift einen Auftakt bilden soll, dem die Melodie erst folgt, also eine orchestrierte Reihe von Gelegenheiten zum Dialog – wie unsere Tagung. Sicher: Es heißt: Die Denkschrift sei keine Enzyklika, sie solle eine Debatte anstoßen. Aber ist das wirklich geplant? In dieser Debatte könnte und müsste sich die Denkschrift ja verändern. Ist das jetzt eine Beta-Version? Wird es in einem Jahr eine Denkschrift 2.0 geben? Dafür sehe ich keine Anzeichen. Dafür bräuchte man eine Roadmap mit Meilensteinen, man bräuchte Leute, die das organisieren und synchronisieren. 

Die Denkschrift reduziert einen Kommunikationsprozess auf einen autoritativen Impuls. Das Davor und das Danach bekommen nicht die gebührende Aufmerksamkeit – noch nicht einmal in dem fast 400-seitigen Begleitbuch (Schell u.a. 2025). Keine politische Partei, kein Verband, keine NGO würde sich das heute noch trauen. Eine derart monologische Ausrichtung war schon immer schwierig, aber heute, mit den dezidierten Erwartungen der Menschen, gerade auch der Kirchenmitglieder an Mitwirkung, Einbindung, Teilhabe, treibt das die Chance auf Gehör gegen Null. 

Wozu? Regel zur Ermittlung der Wirkung

Die dritte Regel betrifft das Wozu der Botschaft. Dabei geht es mir darum, wie man die Wirkung der Denkschrift ermittelt. Ich fürchte, die EKD beschränkt sich auf ein Medienmonitoring, vielleicht sogar nur auf einen Pressespiegel. Aber jedem Sprechenden sei geraten, der Resonanz systematisch nachzugehen, also valide Daten zum Echo zu erheben und gründlich auszuwerten. Was ist richtig gut gelaufen, was weniger, was gar nicht? Und woran lag das? Und das zu vergleichen mit Anstrengungen anderer. Und daraus Schlüsse zu ziehen, also zu lernen – für weitere Botschaften. Nach der Botschaft ist vor der Botschaft. Wer evidenzbasiert lernt, der hat höhere Chancen, gehört zu werden. 

Zusammengefasst: Es gibt auch heute eine reelle Chance, dass Menschen die Botschaft vom Gerechten Frieden hören, verstehen, beherzigen und weitertragen. Diese Chance wächst, wenn man auch visuell überzeugt und nach Gruppen differenziert, wenn man das Gespräch sucht und wenn man aus den Versuchen lernt.


[1]www.bibleserver.com/nicodemus-ai

Literatur:

Vowe, G. (2022). Struktureller Wandel der politischen Kommunikation: Chancen und Risiken für liberale Demokratien. MIP Zeitschrift für Parteienwissenschaft, 28(3), 187-213. 

Schell, M., Anselm, R. & Krippner, F. (Hrsg.). (2025). Gerechter Friede auf dem Prüfstand. Ein Lesebuch zu gegenwärtigen Suchprozessen evangelischer Friedensethik. Leipzig:  Evangelische Verlagsanstalt.

Gerhard Vowe war Hochschullehrer mit Leib und Seele. Von 2004 bis 2023 lehrte er als Professor für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Sein Interesse gilt der politischen Kommunikation, insbesondere, wie sie sich durch Internet und KI verändert. Er ist verheiratet und hat vier Kinder und vier Enkel.