„Wem gehört das Wasser?“
eine Reportage über Wassernutzungskonflikte in Chile von Fabian Kulle
Text von Tim Schreck und Fabian Kulle, 25. September 2026
Es ist heiß in der Mittagssonne von Hierro Viejo. Das kleine Dorf liegt eingelassen in einem Tal, etwa zwei Autostunden nördlich von Santiago de Chile. An den kargen Berghängen wachsen Kakteen. Magdalena Morgan läuft die Hauptstraße entlang. Als ein LKW an ihr vorbeirauscht, sagt sie fast beiläufig: „Ah, das ist ein LKW, der uns mit Trinkwasser versorgt“. Alles deutet auf eine trockene Region hin. Am Rande der Berghänge und im gesamten Tal stehen jedoch saftig grüne Avocado Plantagen, wofür die Provinz Petorca weltweit bekannt ist.
Um die durstige Frucht schwelt in dieser ariden Region seit Jahren ein Konflikt. Hier geht es nicht nur um den Zugang zu Wasser, einem essenziellen Menschenrecht, sondern auch um strukturelle Macht- und Verteilungsfragen. Damit setzt sich die Dokumentation: „Wem gehört das Wasser? Chiles Kampf um die Lebensnotwendige Ressource“ von Fabian Kulle auseinander.
Magdalena Morgan ist eine der Stimmen, die dort zu Wort kommen. Sie arbeitet für ein Trinkwasserkollektiv und setzt sich für ein gerechte und demokratische Verteilung des knappen Wassers ein. „Hier zeigt sich, was es bedeutet die Menschheit zu ernähren. Wasser wird entzogen, um Früchte wie Avocados für den internationalen Markt zu exportieren, auf Kosten der ländlichen Gemeinden und der Provinz Petorca, die ihres Wassers beraubt werden“, fasst sie die Situation in Petorca zusammen.
Aus geographischer Perspektive ergeben sich aus diesem Verteilungskonflikt spannende Fragestellungen, die Forschungsgegenstand der Politischen Ökologie sind. Konflikte um natürliche Ressourcen werden hierbei immer im Kontext der sozioökonomischen Rahmenbedingungen betrachtet.1 Chile folgt einem auf Extraktivismus und Export zugeschnittenem Wirtschaftsmodell, dass auf einer neoliberalen Logik beruht, welche global lange Zeit ihres gleichen suchte. Ein spannender Kontext für eine geographische Exkursion. Im Frühjahr 2025 reisten wir gemeinsam mit Prof. Dr. Jessica Budds und Dr. Johanna Höhl im Rahmen der Masterexkursion des Geographischen Institut der Universität Bonn nach Chile.
Im Fokus stand die Auseinandersetzung mit den Auswirkungen des unter der Militärdiktatur von Augusto Pinochet eingeführten neoliberalen Wirtschaftsmodells auf Gesellschaft und Natur. In Petorca sind uns die Auswirkungen besonders deutlich geworden. Am Beispiel der dortigen Avocado-Industrie zeigen sich die Konsequenzen eines marktbasierten Umgangs mit einer natürlichen und zugleich lebensnotwendigen Ressource besonders stark. Durch das 1981 verabschiedete Wassergesetz wurde das Grundwasser in Chile zur frei handelbaren Ware. Verbindungen in die Politik und Geld entschieden damals, wer Wasserrechte und damit Zugang zu Grundwasser erlangen konnte.2 Bis heute prägen diese Strukturen die Wasserverteilung in Petorca.3
Wir haben im Rahmen der Exkursion mit Landwirt*innen, Trinkwasserkollektiven und politischen Institutionen über den Verteilungskonflikt in der Region gesprochen. Somit haben wir unterschiedliche Perspektiven auf die angespannte Wassersituation in Petorca erhalten. Im Anschluss an die Exkursion hat Fabian Kulle, gemeinsam mit unserer Kommilitonin Antonella Kania, seine Recherche vertieft und die etwa 25-minüte Dokumentation „Wem gehört das Wasser?“ produziert. Darin wird erklärt, wie die Wasserrechte das neoliberale Wirtschaftsmodell stärken. Außerdem werden die Auswirkungen des Avocado-Anbaus auf das Wasservorkommen in der Region betrachtet sowie die Möglichkeit technologischer Lösungen in Form von Entsalzungsanlagen kritisch diskutiert.
Der Film zeigt, welche sozio-ökologischen Auswirkungen durch die radikale Umgestaltung der organisatorischen und institutionellen Regelungen durch neoliberale Globalisierungsprozesse entstehen.4 Was ursprünglich eine effizientere Verteilung von Wasser fördern sollte, hat heute zur Folge, dass ein Großteil der Wasserrechte in der Hand von wenigen Unternehmen oder, wie in Petorca, einigen landwirtschaftlichen Familienbetrieben liegt, welche die limitierten natürlichen Wasservorkommen größtenteils für den Anbau von Avocados nutzen.5 Zum Ende betrachtet die Dokumentation auch mögliche technologische Lösungen in Form von Entsalzungsanlagen, die die Probleme in der Wasserversorgung mildern sollen. Allerdings wird deutlich, dass ohne Veränderung der sozio-ökonomischen Machtungleichheiten, welche den Zugang zu Wasser prägen, technologische Entwicklungen die Marginalisierung der Landbevölkerung weiter verstärken.6
Magdalena fasst die Situation aus ihrer Sicht so zusammen: Konflikte um natürliche Ressourcen lassen sich nicht allein auf äußere Umweltfaktoren wie Dürre, Klimawandel und natürlichen Wasservorkommen zurückführen, sondern sind vielmehr in die politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen eingebettet sind, die die ungleiche Verteilung der Ressource in der Gesellschaft bestimmen:
„Es geht nicht darum, wie viel Wasser uns die Natur gibt. Die Natur sorgt schon dafür, dass wir genug haben. Wir haben Berge, Flüsse. Das Problem ist die menschliche Gier, der endlose Hunger des Kapitalismus nach mehr.“
Fußnoten
- Walker, P. A. (2005). Political ecology: where is the ecology? Progress in Human Geography, 29(1), 73-82. https://doi.org/10.1191/0309132505ph530pr
- Dame, J., & Höhl, J. (2023). Challenges for Local Water Governance in Central-Southern Chile: Insights from the Biobío, La Araucanía, and Los Ríos Regions. Journal of Latin American Geography 22(3), 171-182. https://dx.doi.org/10.1353/lag.2023.a915674
- https://www.biobiochile.cl/especial/aqui-tierra/noticias/2021/04/06/rodeados-de-paltos-pero-sin-agua-para-el-consumo-el-drama-de-zonas-con-escasez-hidrica-en-chile.shtml
- Himley, M. (2008), Geographies of Environmental Governance: The Nexus of Nature and Neoliberalism. Geography Compass, 2: 433-451. https://doi.org/10.1111/j.1749-8198.2008.00094.x
- Budds, J. (2004), POWER, NATURE AND NEOLIBERALISM: THE POLITICAL ECOLOGY OF WATER IN CHILE. Singapore Journal of Tropical Geography, 25: 322-342. https://doi.org/10.1111/j.0129-7619.2004.00189.x
- Fragkou MC, Budds J. Desalination and the disarticulation of water resources: Stabilising the neoliberal model in Chile. Trans Inst Br Geogr. 2020; 45: 448–463. https://doi.org/10.1111/tran.12351

Tim Schreck studiert im Master Geographie an der Universität Bonn in der Studienrichtung Entwicklung und Globalisierung und beschäftigt sich mit politischer Ökologie. Er ist Wissenschaftliche Hilfskraft an der Friedensakademie Rheinland-Pfalz und Teil des Redaktionsteams im Friedensakademie-Blog.

Fabian Kulle studiert im Master Geographie an der Universität Bonn mit Schwerpunkt auf Governance und Raum. Studienbegleitend hat er die Journalismusausbildung am ifp in München absolviert und arbeitet zu Wissenschafts- und Umweltthemen.


