Anna Morgana
Ausgabe: Berthold Roland (Hrsg.): Martha Saalfeld. Pan ging vorüber. Anna Morgana. Mann im Mond. Werkausgabe. Gollenstein: Blieskastel, 1999.
Inhaltszusammenfassung
"Anna Morgana" ist eine Erzählung, die das Leben der Assistentin Anna Morgner in einer surrealen Umgebung einer Großstadtapotheke beschreibt. Anna, die ein pharmazeutisches Vorexamen hat, arbeitet in der „Sonnenapotheke“ mit Herrn Meulenhoff zusammen, der an einem Magenleiden leidet. Die Apotheke erscheint verstaubt, und der Chef, Herr Böck, ist selten anwesend. Die Figuren der Geschichte sind skurril und mysteriös, wie die Botin Olga und der Musiker mit einer Spieluhr. Während die Geschichte fortschreitet, vermischen sich Realität und Traum. Anna leidet unter Heimweh und träumt von ihrer Heimat, während sie gleichzeitig seltsame Begegnungen hat, wie die mit dem grauen Herrn Dr. Mom. Dieser wird zu einer zentralen Figur in Annas Leben, und es entsteht eine enge, aber unheimliche Beziehung zwischen ihnen.
Im Verlauf der Geschichte wird die Apotheke zum Schauplatz zahlreicher surrealer Ereignisse: Ein Wellensittich muss eingefangen werden, ein roter Ball springt hin und her, und Anna wird von unerklärlichen Ängsten und Visionen heimgesucht. Die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmt immer mehr, während Anna versucht, sich in dieser merkwürdigen Welt zurechtzufinden. Annas emotionale Verfassung wird durch die verschiedenen sozialen Verhältnisse in der Apotheke, ihre Kollegen und das Verhältnis zu den Patienten, die den Nachtdienst beanspruchen, beeinflusst. Besonders hervorzuheben sind die Begegnungen mit dem jungen Zeichner Fink und dem Falkner Dr. Mom, die tief in Annas Seelenwelt eindringen.
Im finalen Teil der Erzählung wird deutlich, dass Anna sich zunehmend in einer fantastischen Traumwelt verliert. Die unwirkliche Handlung, die eigenartigen Charaktere und die düstere Atmosphäre lassen den Leser mit der Frage zurück, was in Annas Leben real und was bloße Fantasie ist.
Detaillierte Inhaltsangabe
Der Herr in Grau
Die Assistentin Anna Morgner mit pharmazeutischem Vorexamen steht in einer Großstadtapotheke: „Sonnenapotheke“. Sie arbeitet mit dem Ersten Herr, Herrn Meulenhoff, zusammen in der Offizin. Herr Meulenhoff hat ein Magenleiden, das man ihm schon an seiner gebückten Körperhaltung ansieht. Der Chef der Apotheke ist nicht vor Ort. Die Einrichtung erscheint verstaubt und eher unsauber. Draußen durch die Scheibe sieht man viele Menschen vorbeigehen. Zu den genannten Angestellten gehört noch eine Helferin, Frau Frühling, die aber kommt, wann sie will.
Ein Musiker mit einer Spieluhr betritt die Offizin. Er spielt das Lied von der kleinen Schwalbe. Anna bekommt angesichts der Klänge Heimweh. Blumen werden gebracht. Die Botin namens Olga erscheint im Pelzmantel, ein Geschenk ihres Bräutigams, Nero.
Die „Frühling“ fehlt immer noch, sie soll abstauben. Zwei Frauen kommen hinzu, die Hausmeisterin Frau Burbulla und die Putzfrau, Frau Bajuscheff, die zur Freude der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerne singt. Der Chef der Apotheke wird durch die Scheibe entdeckt, wie er in den gegenüberliegenden Zigarrenladen geht. „Der geht ja nur hin, um uns zu beobachten“ (S. 177). „Er hat ein Opernglas und schraubt uns ganz nah heran. Manchmal liegt er eine geschlagne Stunde auf der Lauer“ (S. 178). Frau Bajuscheff liest auf Annas Handkoffer den Namen „Anna Morgana“ statt „Anna Morgner“. Olga schlägt vor, sie zukünftig so zu nennen. Anna kommt sich vor, wie in einem Traum von Tausendundeiner Nacht.
Sie sprechen über den Nachtdienst, den auszuführen Herr Meulenhoff ablehnt, er sei nun mal nicht zuständig. Anna fragt, ob der Chef den Nachtdienst übernehme. Alle lachen: „Der zieht sich abends in seine Villa am Tiergarten zurück“ (S. 178).
Anna erfährt, dass sie hier im Apothekerhaus zu wohnen hat. Frau Frühling erscheint. Sie unterhalten sich über den Verlust von 25 Mark, denn Frau Frühling hat ihr Portemonnaie verloren. Herr Meulenhoff wundert sich, er selbst habe Ende des Monats nicht mehr so viel Geld und müsse heute Abend unbedingt seinen Lohn bekommen. Frau Frühling scheint einen spendablen Freund zu haben. Beim Gespräch wird deutlich, dass auch der Chef ein persönliches Interesse an Frau Frühling hat. Der „Erste Herr“, Herr Meulenhoff, droht mit Kündigung, was er öfter macht, aber nie vollzieht. Im weiteren Gespräch wird auch thematisiert, dass die Hausmeisterin, Frau Burbulla, ab und zu beim Chef zu petzen scheint. „Frau Morgana, nehmen Sie sich vor der in acht und lassen Sie keine Liebesbriefe liegen. Aber wenn Sie in Not sind, da ist sie gut wie eine Mutter“ (S. 180), sagt Frau Bajuscheff. Und Frau Burbullas Mann scheint ein sehr netter, gebildeter Mensch zu sein.
Viel Kundschaft kommt. Alle warten auf den Chef. Olga hatte Vorschuss von ihrem Chef bekommen, eher erzwungen, da Olga dies mit der Anwesenheit ihres beeindruckenden Nero eingefordert hat. Durch das Gespräch ungeduldig geworden, geht ein Kunde unverrichteter Dinge wieder. Die Uhr war schon um eine Viertelstunde vorgestellt worden, weil der Chef, Herr Böck, diese grundsätzlich eine Viertelstunde zurückdreht.
Anna und Herr Meulenhoff sind irgendwann allein. Anna gefällt es in der Apotheke, die ein „Abenteuer“ (S.183) für sie ist. Herr Meulenhoff zeigt den Garten hinter der Apotheke. Es gibt Hortensien ohne Wasser, einen Vogelkäfig mit einem Raben und einer Elster, die sich bekämpfen und nachts lässt Frau Burbulla die Kaninchen in diesen Garten. Anna ist entsetzt, dass man die Vögel nicht trennt oder freilässt. Sie denkt voll Heimweh an ihre Heimat, in der es zwar keine Angehörigen, aber Weinberge, pflaumenblaue Berge, eine kleine Stadt und einen Park mit Nachtigallen gibt. „Im Frühling (…) redeten viele Stimmen zugleich und gaben tröstliche Antwort auf die ewige Frage“ (S. 185). Anna denkt an Vater und Mutter. Sie sieht „eine Ringeltaube, von weit her aus dem Wald. Die hielt Anna für eine Botin der freundlichen Toten“ (S. 185). Olga bringt Kaffee und Herr Meulenhoff beabsichtigt nun zu kündigen. Anna wiederum möchte jetzt gerne ihr versprochenes Zimmer mit Bad sehen.
Ein Herr in Grau erscheint, Anna bedient ihn, ist stark verunsichert, kann die Verschreibung nicht lesen. Sie erwähnt es, der Herr aber macht deutlich, dass er das Rezept geschrieben habe. Es beinhaltet lauter Pflanzen für einen Tee. Sie lachen gemeinsam, Anna plaudert von der jetzigen Situation in der Apotheke, der Graue wird eisig, als er Meulenhoffs Stimme hört. Anna muss zur „Drogenkammer“ (S. 190), um die gewünschten Pflanzen zu besorgen. Sie hört, dass der graue Herr Dr. Mom ist. Dieser dreht in der Zwischenzeit die Uhr zurück. Anna misst voll Freude die Pflanzenmenge ab. Der Graue beobachtet sie. Anna träumt beim Anblick der Pflanzen von zuhause. Dr. Mom und Anna kommen überein, dass sie sich gut verstehen. Anna: „Ich liebe die Pflanzen, das ist alles“. Dr. Mom: „Sie lieben – das ist alles“ (S.193).
Frau Bajuscheff erscheint, will singen, wird aber gestoppt. Dr. Mom spricht mit Anna über den Nachtdienst, der wohl an ihr hängen bleiben wird.
Der Wellensittich
Anna unterhält sich mit Meulenhoff über den Herrn in Grau. Herr Meulenhoff hat Respekt vor ihm. „Der Graue ist ein Moralist“ (S. 198)
Lärm lässt Anna in den Garten gehen. Ein Wellensittich soll eingefangen werden. Anna kommt es vor, als spräche der Vogel mit Frau Frühling, die ihn ebenfalls wie andere „zwanzig Hände“ fangen wollen. Der Wellensittich entscheidet sich für den Käfig von Frau Frühling. Man protestiert und lästert über Frau Burbulla, den Chef und die Frühling.
Der rote Ball
Die Nachmittagssonne zeigt den Herbst an, die Schwärme von Staren fliegen, denen Anna sehnsüchtig nachsieht. Sie beobachtet die Fenster eines „öden Fabrikgebäudes“ (S. 201). Männer an Zeichentischen werden von einem Herrn mit sportlichem Sakko überwacht. Die Blicke mit einem der Zeichner, der aus dem Fenster schaut, treffen sich. Diese „Klischeefabrik“ (S. 202) beschäftigt auch Künstler, die auf einen Nebenverdienst angewiesen sind.
Frau Frühling erklärt Anna, dass der Nachtdienst nicht ungefährlich ist. Der Besitzer eines Juwelierladens war ausgeplündert und getötet worden. Frühling erzählt von ihrer Beziehung, vom Kummer, den sie hat, denn beim Anblick eines schönen jungen Mannes wollte sie sich aus der Berg- und Talbahn stürzen, stattdessen hatte sie ihr Portemonnaie hinausgeworfen. Anna bietet an, heute Abend mit ihr Berg- und Talbahn zu fahren. Frau Frühling weist das Angebot zurück und Anna ist zum Weinen zumute. Sie deutet der Frühling an, dass sie selbst eine schwere Vergangenheit hatte. „Mich hat das Leben hart gemacht“ (S. 205), Anna weint, Frühling weint. Meulenhoff ist beim Anblick konsterniert. Anna will Schokolade aus ihrem Koffer holen, dabei fällt ein roter Ball heraus. Er springt hin und her, alle freuen sich, in diesem Moment kommt der Chef, Herr Böck, in die Apotheke und schimpft. Er fordert Kaffee und mit dem Kommentar, dass keiner mehr da sei, serviert Olga Rindfleischbrühe. Frühling, Frau Bajuscheff und Herr Böck diskutieren. Herr Böck beschimpft, korrigiert und beleidigt Frau Bajuscheff als „alte Hexe“ (S. 208). Diese wehrt sich: „Sie schaffen doch immer nur in Ihre Tasche! (…) Sie haben nur immer Mitleid mit sich selbst“ (S. 208).
Anna möchte nur noch auf ihr Zimmer. Zuvor hatte Böck ihr noch unterstellt, sie bringe Wanzen ins Haus. Allgemeines Gelächter lenkt von diesen Unterstellungen ab.
Die Badewanne und ein Paar schwarze Schuhe
Als Anna ihr Zimmer sieht, in dem sie wohnen soll, entdeckt sie, dass statt eines Bettes nur ein Sofa vorhanden ist und eine Badewanne, in der man aber nicht baden darf.
Anna blickt von ihrem Zimmer aus hinaus in den Park und entdeckt eine hübsche junge Dame mit Muster im Kleid, Spitzenschirm und Handschuhen. Außer ihr sieht diese Dame aber niemand. Ein festgebundener Falke ist das Vergnügen des Dr. Mom, der ebenfalls am Rande des Parks wohnt.
Im Zimmer findet sich ein Brief an den Assistentennachfolger, den Herr Böck einfach an sich nimmt. Weitere Briefe werden noch folgen. Und wenn die Assistenten den Wolf im Schafspelz - Herrn Böck - erkannten, war es meist zu spät (nach S. 214).
Anna ist verärgert, dass Herr Böck den Brief nicht herausgeben will. Er will ihn dem „Staatsanwalt“ (S.214) übergeben. Als Anna ihren Blick senkt, „gewahrte sie die Füße Böcks, die kurz und zierlich waren wie kleine Hufe. Böck trug schwarze Schuhe mit Lackkappen wie ein Konfirmand aus vergangenen Zeiten. Das Leder war an mehreren Stellen gebrochen und mit der Maschine gesteppt. (…) Anna hatte das Gefühl, sie müsse sich das Aussehn dieser Schuhe merken“ (S. 215).
Schließlich ist Anna alleine und will auf dem unbequemen Sofa liegen und sich ausruhen. Statt zu schlafen, steht sie auf, stickt mit Nadel, schläft dann aber doch ein. Sie träumt von der jungen Frau im Park, deren Gesicht sie nicht sehen kann. Diese kommt in ihr Zimmer, sitzt an ihrem Schreibtisch, liest und springt dann zum Fenster hinaus, aufgefangen von einem Schal, der sich wie ein Fallschirm ausbreitet.
Ein gebratenes Hähnchen
Die angespannte Atmosphäre in der Sonnen-Apotheke spitzt sich zu. Der Chef Böck zeigt sich mürrisch und unzufrieden mit dem Zustand der Apotheke und den Angestellten. Er fordert die Frühling auf, ihm ein gebratenes Hähnchen zu besorgen, um seine Frau zu erfreuen, da sie Geburtstag hat. Die Frühling ist skeptisch, ob Böck genügend Geld hat, um das Hähnchen zu kaufen, was zu einer Diskussion über seine finanzielle Situation führt.
Währenddessen wird die unzureichende und schlechte Verpflegung der Angestellten in der Apotheke thematisiert. Böck ist genervt von den ständigen Beschwerden und dem Klatsch der Angestellten. Die Bajuscheff und die anderen Mitarbeiter versuchen, die Stimmung aufzulockern, während Böck weiterhin beleidigt und grantig bleibt. Das Kapitel endet mit einer gewissen Unsicherheit über die Zukunft der Apotheke und die Angestellten, insbesondere Meulenhoff, der um sein Gehalt fürchtet.
Die ständige Unzufriedenheit und die drohende Kündigung sorgen für eine angespannte Stimmung im gesamten Kapitel
Kleine Leiche
Frau Frühling wird von Herrn Böck angewiesen, die Nacht im Hause zu verbringen, um Anna gegebenenfalls helfen zu können. Frau Bajuscheff wird durch die Verfolgung von Fliegen zur Erwähnung einer Leiche (zerdrückte Wanze, gebratenes Hähnchen) verführt, ihr Lieblingsthema, denn sie beweint gerne Schicksalsschläge mit Todesfolge.
Das für Herrn Böcks Frau gekaufte Hähnchen aus dem Feinkosthaus – Herr Böck hatte Frau Frühling angewiesen, es zu besorgen – entpuppt sich als fettloses, dürres Huhn, das sein Geld nicht wert ist, was wiederum Herrn Meulenhoff an seinen ausstehenden Lohn erinnert, der wohl nicht ausgezahlt wird.
Sonnen-Apotheke dienstbereit
Anna ist allein in der Offizin. Ihre Bücherkiste ist mittlerweile auch angekommen. Sie nimmt ein Lehrbuch und träumt sich in ihre Heimat. Frau Burbulla ist neugierig und versucht sie auszufragen. Sie redet schlecht über Frau Frühling, Anna verteidigt sie. Die Burbulla weiß um Annas wenige Habseligkeiten, sie hatte Annas Sachen schon alle durchsucht. Sie vermutet, dass Anna bald wieder abreist. Anna betont immer wieder, dass es ihr in der Apotheke gefällt. Burbulla: „Ja, haben Sie denn gar keine Moral?“ Frau Burbulla ist wütend auf Anna, die sich in ihr Zimmer zurückzieht.
Ein Nachbar Namens Fink
Anna blickt in den Garten hinter dem Apothekergarten. Der Falke ist verschwunden. Sie beobachtet das rote Haus. Aus dem Dunklen scheint sie eine Bewegung wahrzunehmen, ein „Wesen floß zusammen mit den Schatten, es bog sich im Wind, richtete sich plötzlich auf“ (S. 228). Anna schläft am Fenster ein, wird von einer Stimme geweckt, es ist der junge Zeichner, der sich sorgt, dass Anna bei geöffnetem Fenster in der Kälte auf einem Stuhl schläft. Der Zeichner möchte ein Rezept einlösen.
Ein verdächtiges Rezept oder Liebe auf der Berg- und Talbahn
Böck ist noch im Haus und hat sich um das Rezept gekümmert. Böck beschimpft Anna; sie denkt lieber an das von einer Katze verspeiste Hähnchen und stoppt ihn mit: „Memento mori!“ (S. 231). Böck fragt Anna nach Frühling. Anna erzählt von Frühlings beobachteten Mann, der schön sei wie ein junger Gott. Der Zeichner Fink betritt den Laden. Böck macht die Rezeptur fertig. Der Zeichner Fink verabschiedet sich bei Anna und signalisiert ihr, dass sein Licht bis zum Morgen brennen wird und sie es sehen kann. Anna träumt von Cowboys und Indianern vor sich hin. Sie signalisiert Böck, dass sie am nächsten Tag auch einmal auf die Berg- und Talbahn gehen möchte. Herr Böck ist empört und geht. Die Frühling pocht an die Scheibe. Sie ist traurig, dass sie den schönen jungen Mann nicht wiederfinden konnte. Sie fordert Anna auf, in ihr Zimmer zu gehen. Sie selbst verschwindet.
Das Schattenspiel
In ihrem Zimmer sieht Anna wieder hinüber zum „dunklen, geheimnisvollen Haus“ (S. 236).
Sie sieht den Schatten eines Mannes, der mit dem Schatten eines Falken hantiert. Der Falkner scheint Dr. Mom zu sein. Anna träumt von Frau Frühling und Frau Burbulla.
Sie hört es klingeln und Dr. Mom kommt zu ihr ins Zimmer hinauf. Er benötigt Pharmazie für Menschen im Nachbarhaus, die ihn gerufen haben. „Man holt mich stets, wenn es zu spät ist (…). Meine Patienten sterben“ (S. 238). Anna ist entsetzt, behauptet, sie würde ihm nie aufmachen. Dr. Mom erinnert sie, dass sie es schon getan hat. Anna reißt den Koffer auf, nimmt ihren roten Ball und wirft ihn aus dem Fenster in Richtung von Herrn Fink, verfehlt aber ihr Ziel. Dr. Mom bemerkt, dass ihr niemand helfen kann, wenn ihre Stunde gekommen ist. Aber nun soll sie ihm mit der Pharmazie helfen. Sie weigert sich.
Sie fährt aus ihren Träumen auf. Der graue Dr. Mom ist verschwunden und tatsächlich läutet jetzt die Nachtglocke.
Die Nachtdienstglocke
Auch wenn die anderen Bewohner nicht einverstanden sind, so macht Anna einem bleichen, aufgeregten Mann die Tür auf. Seine Frau ist erkrankt und er bittet Anna, einen Arzt zu erreichen, ihm selbst sei es nicht gelungen. Sie will Dr. Mom anrufen, aber der Mann gegenüber verneint. „Moms Patienten sterben alle“ (S. 240). Trotzdem wird Dr. Mom erreicht und er weiß auch schon, worum es geht. Anna schickt den bleichen Mann nach Hause.
Angst
Dr. Mom kommt zu Anna und erzählt, dass die Patientin tot ist. Anna gibt zu, dass sie Angst vor ihm hat. Frau Burbulla erscheint und fällt in Ohnmacht. Dr. Mom kümmert sich um sie, jetzt schreit Frau Burbulla um Hilfe. Ein Polizist von der Straße erscheint. Er wird beruhigt. So, wie Dr. Mom Frau Burbulla zurückholte aus der Ohnmacht – mit Wasser im Ausschnitt – so fasst Anna Vertrauen zu ihm.
Je ne suis pas Böck
Zurück in ihrem Zimmer sieht Anna, dass Herr Fink sein Licht gelöscht hat. Aber der Schatten des Dr. Mom und seines Falken ist wieder da. Sie fängt an, die Silouette von Mom und Falken zu sticken.
Dann will sie die „Schatzinsel“, ihr Lieblingsbuch lesen, aber es ist verschwunden. Sie hört eine Diele knarren und geht hinaus in den Flur. Sie findet den Lichtschalter nicht, wird auf einmal von einem Wesen bedrängt, eine schwarze, langbeinige Gestalt, die auf Anna zu zutreibt. Anna stürzt zurück ins Zimmer, der Langbein hinterher. Der Mann trägt eine schwarze Larve, einen schwarzen Anzug und schwarze Schuhe. Anna erkennt die Schuhe von Böck wieder. „Je ne suis pas Böck“ (S.247) zischt der Maskierte, versetzt Anna einen Stoß und verschwindet. Die Burbulla erscheint, sie ist von dem lauten Gepolter wach geworden. Sie bringt die „Schatzinsel“ mit, die ihr Mann gelesen hat. Er möchte noch ein Buch von Anna lesen. Anna erzählt, dass Böck sie bedrängt hat. Burbulla aber glaubt eher an Einbrecher und die Frühling, die erscheint, münzt die ganze Situation auf sich.
Nächtliche Tafelrunde
Anna flüchtet in den Apothekergarten, drückt die Klinke zum Nachbarsgarten und wird von Dr. Mom zurückgehalten. Er geht mit ihr in den ersten Garten zurück und möchte Anna einen Wunsch erfüllen. Sie möchte auf dem Reiterstandbild, das hier steht, reiten.
Dr. Mom sorgt dafür, dass der Reiter absitzt, Anna steigt auf, wird aber abgeworfen.
Da ertönt eine Stimme:
„Ach kommen Sie doch gleich mal ´runter zu uns, wir sind jetzt alle munter (…)“. „Ja – bin ich denn nicht unten?“ „Nein, Sie sind noch oben“ (S. 251).
Anna scheint alles geträumt zu haben. Sie trifft in Burbullas Küche auf ihren Mann Anton und auf ein Wesen, wie eine Fledermaus anzusehen, das sie auch vorhin im Flur zu sehen glaubte. Am Tisch sitzt der „Professor“, ein Nachhilfelehrer für Englisch und Französisch. Frau Frühling ist auch da. Anna schläft am Tisch ein. Der Professor hält eine Rede. Er will Herrn Böck schützen, der wohl seine Konzession droht zu verlieren. Die Anwesenden sollen unterschreiben, dass sie mit Böck zufrieden sind. Anna macht sich weiter Gedanken um Fink, der doch versprochen hatte, mit ihr die Nacht zu wachen.
Nero le Soleil oder Der Mensch ist gut
Anna sitzt weiter in der Nacht allein, da erscheint Nero. Er will sich um die „Kasse kümmern“. Anna jedoch verwickelt ihn in ein Gespräch und stellt fest: „Ich stehe auf dem Standpunkt, der Mensch ist gut. Zuweilen ist das Gute nur verdeckt“ (S. 259)
Anna erklärt Nero, dass in der Kasse kein Geld ist, sondern im Getäfel. Nero sucht. Trotzdem wird Nero von Anna gegenüber einem hereinspazierten Polizisten gedeckt. Es gelingt ihr, Nero vom Suchen nach Böcks Geld abzubringen. Nero le Soleil verlässt die Apotheke.
Zarte, dünne, grünliche Gespenster
Anna sitzt wieder im Büro über ihrem Lehrbuch. Das Licht der Lampe erscheint ihr grün. Dann rauscht der Lampenschirm „wie in einer Muschel“ (S. 262)
Plötzlich sieht Anna zarte, dünne, grünliche Gespenster, z.B. in Person von Tante Imme, die erst vor kurzem gestorben ist. Das Singen, das sie wahrnimmt, verstärkt sich. Tante Imme und Anna unterhalten sich über Annas Liebe zu Fink – und über Dr. Mom, der Tante Imme abholte von dieser Erde – er scheint der Tod zu sein. Im kleinen schwarzen Heft, das Imme mitgebracht hat, verstecken sich weitere Tote, Kinder, Hund, Katze und auch Annas Vater, der kleine Ernesto mit seinem Segelschiff.
Als alle aus dem Buch gestiegen sind und sich aufgereiht haben, stellt Anna fest, dass für Fink gar kein Platz wäre. Anna unterhält sich mit ihrem Vater, dem kleinen Ernesto, der bei Mom vor Anker gehen will.
Frau Böck geht an Bord
Anna telefoniert mit Frau Böck, um einen Einbruch zu melden. Diese wundert sich, denn sie geht davon aus, dass ihr Mann in der Apotheke ist. Frau Böck will persönlich vorbeikommen. Anna versinkt wieder in Träume mit Segler. Frau Böck erscheint und sucht nach ihrem Mann.
Ouvrez la porte!
Mit viel Durcheinander verschafft sich Frau Böck Zugang zu Frau Burbullas Wohnung, in der noch viele beisammensitzen. Frau Böck sucht wild weiter und trifft auf eine verschlossene Tür, das Zimmer der Helferin. Eine „schwarze Gestalt, mit einer Larve vorm Gesicht, stürzte hinaus“ (S.270), überrennt die kniende Frau Böck. Die Treppe, die der Schwarze hinabgehen will, bewegt sich und reißt ihn in die Tiefe zusammen mit Frau Böck.
Ach bleib bei mir…
Wieder allein weint die sich verlassen fühlende Anna, Hektor erscheint und wedelt „mit seinem wunderschönen Schweif“ (S. 271). Lange schon ist er tot. Sie denkt an die Geschichte mit Hektor und einer Ente, da erscheint Mom, der berichtet, dass es Fink wieder gut gehe und das Licht wieder an sei. Anna nimmt bei Mom eigenartige Hände aus Porzellan wahr, aber sie findet sein Gesicht nicht.
Mit einem Klingeln verabschiedet sich Dr. Mom, doch in der Tür erscheint ein weiterer Mom, gutgelaunt mit Frau Bajuscheff am Arm.
Dieser Mom erzählt, dass Frau Bajuscheff von ihrem Mann geschlagen worden sei und dass Fink nicht angetroffen worden sei. Frau Bajuscheff will im Sessel bleiben und Nachtschicht halten. Sie erzählt, dass Fink ins Haus kam und zur Frühling gegangen sei. Anna will das nicht glauben. Die Frühling erscheint und erklärt, dass Fink nicht bei ihr gewesen ist. Anna erklärt, dass Fink und sie zusammengehören. Frühling und Bajuscheff gehen und Herr Mom und Anna unterhalten sich weiter. Anna will Mom zeichnen. Sie stickt Moms Gesicht. Sie sprechen über Moms Doppelgänger, der wohl sehr aktiv ist.
Wie mit grimm´gen Unverstand Wellen sich bewegen
Frau Bajuscheff kommt mit Turban aus Verbandsmull und setzt sich in den Sessel. Sie erzählt, dass sie sich hingelegt und es nach Böck gerochen hatte. Frau Frühling ist verschwunden. Nun gibt es drei Vermisste: Böck, Frühling und der Bräutigam. Die Bajuscheff meint, dass Dr. Mom für Anna eine große Chance sei. Sie plaudert über Mom, der eine gute Partie für Anna wäre. Frau Bajuscheff spricht Anna Mut zu und singt ihr ein Lied. Böck kommt mit Frühling zur Tür herein. Er tut so, als müsse er Anna erst noch einmal vorstellen. Dann klingelt die Nachtglocke und Anna nimmt ein Rezept – von Dr. Mom ausgestellt – entgegen. Böck will nun unbedingt selbst Hand anlegen, aber Anna verweigert angesichts des offensichtlich betrunkenen Böck. Sie beginnt das Rezept herzustellen, obwohl Böck erklärt, dass der Patient stirbt und es daher unnötig sei. Böck stellt die Gefäße zurück. Anna begreift, dass das Rezept für Fink ist und verzweifelt. Die Bajuscheff entreißt Böck das Rezept, dieser verschwindet. Anna und der inzwischen hereingekommene Nero verständigen sich, aber Nero nimmt Abstand davon Böck zu verfolgen, wenn er nur einen ordentlichen Franzbranntwein bekommt. Anna stellt die Rezeptur her, aber kein Bote kommt, um sie abzuholen. Nero bietet sich an, sie zu übergeben, denn ein Herr Fingerle sei vorhin verunglückt. Anna ist erleichtert, dass sich jetzt herausstellt, dass das Rezept gar nicht für Fink ist. Nero nimmt die Arznei an sich und verschwindet über das Dach, da vor der Tür zwei Männer warten, die nicht geheuer sind. Anna verwickelt den einen in ein Gespräch und hält die Tür verschlossen. Die Bajuscheff kommt gähnend und der Mann ist weg.
Das blaue Licht
Anne will schlafen gehen und nimmt noch das blaue Leuchten aus Finks Arbeitsraum wahr. Fink selbst ist nicht da. Plötzlich erkennt Anna das junge hübsche Mädchen aus dem Garten wieder, im gestreiften Seidenkleid mit langen Handschuhen. Anna wird angesichts ihres Auf- und Abgehens in Finks Arbeitszimmer sehr eifersüchtig. Anna spricht mit dem Mädchen, namens Ferdinande, die behauptet, eine Beziehung mit Fink zu haben.
„Um Himmels willen, Ferdinande, du lebst doch gar nicht mehr. Du bist doch lange tot. Einundzwanzig Jahre auf den Tag genau“ (S. 294).
Es stellt sich im weiteren Gespräch heraus, dass Mom Ferdinande wie in einem Gefängnis hält. Ab und zu darf sie in den Park. Sie hofft, dass Fink bald stirbt und er ihr dann ganz gehört. Anna zieht sich nackt aus, sie singt, sie glaubt, Schritte zu hören. Dann klingelt die Nachtdienstglocke. Vor Schreck springt Anna in die Badewanne. Sie erwartet Mom mit dem Falkenkopf. Es läutet wieder, Anna wird von Frau Bajuscheff gerufen, das Badewasser läuft durch die Decke. Das Klingeln sei nur Anton. „Wenn das Wasser kommt, dann zieht er die Notleine“ (S. 297).
Die Kommission
Anna zieht sich schnell etwas über und es dauert, bis sie unten ankommt. Zwei Männer, sie vermutet, die kontrollierende Kommission, beginnen sofort, eine Büchse zu untersuchen. Anna widerspricht ihren Ausführungen und fordert die Namen der Herren ein.
Sie diskutieren auch über die Eignung Neros als Bote. Anna vergleicht die Herren mit Nero, der am Tag auch schon alles durchsucht hatte. Die Männer sind empört. Mom erscheint und bestätigt, dass Nero das Rezept gut abgegeben hat und der Patient Fingerle gerettet sei. Und Fink würde schlafen. Wenn Mom den Hut lüftet, leuchtet alles im grellen Silber. „Verdammte Zauberei“ (S. 303). Zum Abschied übergibt Anna ihren Glücksbringer, den Marmel mit dem Silberherzen an Dr. Mom.
Der Klopfgeist
Anna spürt Klopfen an den Füßen aus dem Keller. Sie traut sich nicht herunter und schließlich erscheint Anton Burbulla. Er bittet um Ruhe. Es entspinnt sich eine Diskussion über das Klopfen im Keller – das Allerheiligste für Böck. Anna will in den Keller. Anton weigert sich mitzugehen. Unten im Keller will sie gerade einen Zugang im Boden öffnen, da hört sie Husten und versteckt sich. Eine schwarze Gestalt beugt sich zur Falltür und ruft nach Meulenhoff. Anna gibt sich zu erkennen, der Schwarze will sich auf sie stürzen, sie erkennt Böck, wirft mit einem Fläschchen und - erwacht.
Sie fragt nach Meulenhoff, viele im Haus sind zusammengekommen, und tatsächlich hat Meulenhoff ohne Lohn das Haus nicht verlassen. Der Nachtkellner, der auch im Hause wohnt, erwähnt dass hier noch kein Blut geflossen sei, drüben sei es ernster. Alle wollen nur noch schlafen.
Enttäuschte Liebe
Anna beobachtet von ihrem Zimmer aus Finks Arbeitszimmer. Sie sieht, wie Fink einer Dame in den Ausschnitt küsst. Auf einmal ist Dr. Mom in Annas Zimmer. Er bewundert ihre schönen Kleider im Koffer, Anna zieht sie verwundert heraus: „Fast möcht´ ich sagen, der Koffer ist vertauscht“ (S. 311).
Sie betrachtet jedes Kleid und ist traurig, dass sie sie zuhause nicht tragen kann. Sie will weg und erklärt Mom, dass Meulenhoff seine Stelle behalten müsse. Mom macht ihr ein Liebesgeständnis und erkennt auch, dass Anna wegen Fink eifersüchtig ist. Sie will eines der schönen Kleider anziehen, aber in dem Moment, in dem Mom verschwindet, sind auch die Kleider wieder blaß und grau.
Sie hört das Lachen Ferdinandes. „Behalte du dein Silber“, sagt Anna, „sobald es hell wird, will ich mir ein bisschen Gold von Nero le Soleil leihen“ (S. 314)
Neptun
Anna liegt auf dem Sofa, wird von einer Spinne gestochen und ist durch das Spinnengift scheinbar gelähmt. Sie muss zusehen, wie Frau Burbulla und Anton eine große, grüne Gummipuppe in die gefüllte Badewanne legen, sie „Verwalter“ (S.315) nennen. Anna kann sich wieder erheben und spricht den Grünen an. Der erhebt seinen Dreizack und nennt sich Neptun. Er werde sie holen und auf das Schiff „Edward Waugh“ bringen. Anna solle die Luft aus dem grünen Ventil lassen und alles würde sich grün färben und „eine frische Brise bläht den Vorhang wie ein Segel“ (S. 316).
Der Herr Verwalter
Anna geht in den Apothekergarten. Sie versucht noch einmal in Moms Garten zu gelangen, aber die Öffnung ist zugemauert. Auf dem Reiterstandbild sitzt ein Herr von ca. 30 Jahren und ein neuer Koffer steht neben ihm. Der dazu passende Hut aus Velours heißt Hartmut Horn. Es stellt sich heraus, dass er der erwartete Verwalter ist. Anna bittet um fristlose Entlassung. Sie begründet den Schritt mit der Rettung Meulenhoffs. Von Haus her ertönt Geschrei. Anna bittet mit hinüberzugehen. Der Verwalter sieht keine Notwendigkeit.
Jubilate!
Böck feiert Jubiläum. Mieter und Angestellte warten auf ihn. Anna ist über vieles verwundert und fragt sich, was in der Nacht Traum und was Wirklichkeit war. Frau Frühling sagt ihr, dass sie nicht bei Fink war, Anna will daraufhin die Kündigung zurücknehmen.
Horn erklärt Meulenhoff, dass er nicht gekündigt wird. Frau Burbulla und Frau Bajuscheff unterhalten sich darüber, dass Anna als Nachtdienst nicht geeignet ist. Anton und der Nachtkellner tragen das Reiterstandbild zu Ehren Böcks ins Haus, stolpern und es zerschellt. Horn will Annas Kündigung nicht zurückgenommen wissen. Dann kommt Dr. Mom. Er hat Annas roten Ball. Horn erklärt, dass Anna gehen muss. Sie widerspricht abermals. Auf einmal spielen alle mit dem roten Ball. Mom zielt auf Horn, der Verwalter biegt sich und geht zu Boden. Nun hat er einen Hexenschuss. Böck mit Ehefrau erscheinen. Frau Böck bietet an, den Verwalter in die eigene Wohnung aufzunehmen. Der „Professor“ überreicht das gemeinsam unterschriebene Dokument und alle singen.
„Sie geben einander die Hand und (…) (gehen) fröhlich auseinander. Horn nur, der Verwalter, (…) (bleibt) im Sessel sitzen“ (S. 327)