Transkript: Podcast "Judengasse"

Liebe Zuhörer und liebe Zuhörerinnen,

ich befinde mich gerade in Landau in der Pfalz. Um genau zu sein, biege ich gerade vom Marktplatz aus in die Theaterstraße ein. Das ist eine Querstraße, die vom Marktplatz aus wegführt. Wenn man sich so umschaut, ist die Straße recht schmal und rechts und links von ihr stehen dicht an dicht gedrängt Häuser. Sie macht irgendwie einen recht belebten Eindruck, weil sich hier viele Boutiquen, kleinere Läden, Floristen, ein paar Cafés niedergelassen haben und es sind auch relativ viele Fußgänger und Passanten unterwegs.

Wenn man dann aber rechts und links in die Häuser schaut, wirkt das Ganze zum Teil aber auch ein bisschen verlassen und leblos, weil viele der Häuser auch leer zu stehen scheinen.

Die wenigsten wissen, dass die heutige Theaterstraße früher Judengasse hieß und Schauplatz eines Romans der pfälzischen Lyrikerin Martha Saalfeld ist. In ihrem Roman Judengasse aus dem Jahr 1965 macht sie auf die antisemitische Haltung gegenüber Juden aufmerksam, die bereits vor dem Zweiten Weltkrieg zu spüren war.

Der Roman handelt von dem 16-jährigen Sigi, der bei seinem Großvater Ephraim in der Judengasse lebt. Die Familie hat wenig Geld und ist auf den Verkauf von Antiquitäten angewiesen. Im Laufe des Romans kommt es wiederholt zur Anfeindung gegenüber Sigi, seiner Familie und dem Judentum. Seine einzige Vertraute und Bezugsperson ist seine beste Freundin Hannah. Sie besucht Sigi fast täglich, hat Mitleid mit ihren jüdischen Freunden und versucht ihm zu helfen.

Sigi wird zunehmend unzufrieden, verbittert und hoffnungslos über seine aussichtslose Situation, die im Folgenden anhand eines inneren Monologs vorgetragen wird.

Gerechtigkeit. Gerechtigkeit. Ungerechtigkeit. Gerechtigkeit. Ungerechtigkeit.
Was ist gerecht? Was ist ungerecht?
Ist es recht, andere zu diskriminieren, zu beschimpfen, herabzusetzen?
Habe ich das Recht zu leben? Bin ich es wert zu leben?
Bin ich liebenswert? Bin ich gerecht?

Gerechtigkeit. Gerechtigkeit. Ungerechtigkeit. Ja, verdammt!
Ich bin Sigi, Nachfolgerkönig Davids, Sohn Abrahams.
Ich kann mehr, als ihr denkt, wenn ihr mich nur lassen würdet, wenn man mich nur sehen würde, so wie ich bin und wer ich bin.
Ich bin ein schöner, intelligenter und mutiger Mensch. Jemand, der für sich und andere einsteht.

Es ist ungerecht. Die ganze Welt verteufelt mein Volk, als wären wir Abschaum, Gauner, Gesindel. Wer gibt euch das Recht, andere aufgrund ihrer Herkunft so zu behandeln? Der Staat und alle Staatsmänner sind die Verbrecher unter uns. Sie glauben, sie haben die Macht über alles und jeden und können tun und lassen, was sie wollen. Uns helfen? Als würde man uns helfen? Alles Schlechte und jede Katastrophe wird uns doch in die Schuhe geschoben, als wären wir Fußabtreter. Ich bin es so satt. Ihr könnt mich alle mal.

Wenigstens habe ich dich noch, Hannah, meine kleine Freundin. Für unmöglich habe ich es gehalten, dass eine Nicht-Jüdin, eine Goj, mir zur Seite steht, mich unterstützt oder sich für mich einsetzt. Oder dass ich dir vertrauen kann. Treu und herzensgut kommst du mich jede Woche besuchen. Du machst mir mein Leid etwas erträglicher. Du machst keinen Unterschied zwischen Menschen. Du bist vorbehaltslos. Und ich schäme mich, wenn dieser Neid in mir aufkommt, so zu sein wie du.

Ich weiß, du willst, dass ich dich als erwachsen und reifer annehme. Warum nur willst du so schnell erwachsen werden? Genieße die unbeschwerte Zeit eines Kindes doch noch ein Weilchen. Zu schnell wird man erwachsen und mit dem Ernst des Lebens konfrontiert. Mit all der Grausamkeit, all den Vorurteilen und Erwartungen, die auf einen einprasseln, als stünde man unter einem Regenschirm. Dicht darin willst du werden, dann hör niemals auf zu träumen. Als Kind hat man nämlich noch Träume. Wenn wir zusammen sind, gibst du mir das Gefühl, dass ich noch träumen kann.

In meinen Träumen, da lebe ich auf der anderen Seite der Judengasse, in einem schönen Haus, mit einer Horde von Kindern an meiner Seite. Ein studierter, angesehener und vermögender Mann mit der schönsten Frau an seiner Seite.

Oh Reicher, warum hast du den Leuten mit mir vorgezogen? Nur weil ich keine Uniform trage? Ausgelacht hast du mich. Und dann ist da Ibrahim mit seinem Sonnenmond- und Sternmantel, um den Schein zu wahren, wir hätten Reichtümer und Vermögen. Nichts haben wir. Kein Geld, kein Essen, noch nicht mal ein kleines Feuer, um sich zu wärmen.

Seit Tagen sitze ich hier in meinem Turm und meine Gedanken kreisen und ich friere mir den Hintern ab. Und was machst du, Ibrahim? Du kaufst jeglichen Trödel weiter ein, ohne Kopf und Verstand. Du kannst nicht mit Geld umgehen, ein schlechter Geschäftsmann bist du. Du lebst nur um heute, ohne überhaupt einen Gedanken an die Zukunft zu verschwenden. Du versteckst dich nicht nur hinter deinem nutzlosen Trödel, sondern verdrängst auch alle Ungerechtigkeit, die dir und uns entgegenschlägt. Wo ist dein Stolz? Und wo ist dein Mut, Dinge nicht einfach hinzunehmen und etwas zu verändern?

Und jetzt willst du, dass ich in die Ferne ziehe? Nur weil deine Komfortzone durch mich Risse bekommt? Ich bin dir für vieles dankbar, aber habe ich nicht auch das Recht, meine eigene Entscheidung zu treffen?

Nein, in dieser Welt nicht. In dieser Welt entscheidet bereits deine Herkunft, dein Wohnort oder deine Kleidung darüber, wer man ist und was man in seinem Leben erreichen kann. Und macht man einmal einen Fehler, ist man direkt unten durch in der Gesellschaft. Die nächste Krise, der nächste Überfall, die nächste Krankheitswelle, das waren natürlich wir. Die Juden.

Warum? Warum kann ich meine Wut nur so schlecht kontrollieren? Da kommt sie schon wieder in mir auf. Wie ein Vulkan brodelt es in mir, kurz davor sich zu entladen. Ich fühle mich leer und schwach. Wenn ich ein Dichter wäre, ich würde lauter dunkle Worte mischen. Bemüht euch nicht um einen Sinn, wo alles sinnlos ist.

Es gibt keine Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist ein Maßstab, der einem willkürlich mit seiner Geburt zugeteilt wird. Ich gebe es auf, für etwas zu kämpfen, das niemals existiert hat. Bin ich überhaupt noch hier?

Ich glaube, man kann spüren, wie verzweifelt, wütend und enttäuscht Sigi über seine Ausgangslage ist. Zum Ende des Romans kommt er zu dem Schluss, dass sein Leben keinen Sinn mehr hat und er sieht keinen anderen Ausweg als den Suizid.

Der Roman basiert auf autobiografischen Erfahrungen von Martha Saalfeld und die Geschehnisse spielen in ihrer Geburtsstadt Landau in der Pfalz. Viele Personen aus dem Roman basieren auf tatsächlichen Begegnungen in Martha Saalfelds Leben. Außerdem wird der Roman aus der Perspektive der zehnjährigen Hannah erzählt. Mit ihr wird Saalfeld selbst zur Romanfigur.

Im Nachwort heißt es, dass der Roman aus Saalfelds jüdischer Passion heraus entstanden ist. Sie habe viele jüdische Freunde gehabt und laut ihres Ehemanns Werner von Scheidt habe sie stets auf der Seite der Schwächeren gestanden. Ihre Intention ist es gewesen, gegen das Vergessen anzukämpfen und auf die Schuld und Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen, die den Juden widerfahren ist.

Für mich persönlich stellt Martha Saalfeld eine Wegbereiterin für die Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit dem Thema Antisemitismus dar. Sie hat hingeschaut und sich mutig mit verdrängten Kapiteln der deutschen Geschichte auseinandergesetzt, um auf die Ungerechtigkeit gegenüber den Juden aufmerksam zu machen und Veränderung anzustoßen. Mit ihrem Werk leistet sie einen wichtigen Beitrag, für den sich jeder von uns bis heute verantwortlich fühlen sollte.

Dem nicht vergessen und hinschauen.

Vielen Dank fürs Zuhören.
Ich hoffe, dass ich Ihnen Martha Saalfeld mit diesem Podcast noch ein bisschen näher bringen konnte.

Gerechtigkeit

Innerer Monolog Martha Saalfeld

Gerechtigkeit…Gerechtigkeit…Ungerechtigkeit…Gerechtigkeit…Ungerechtigkeit.
Was ist gerecht? Was ist ungerecht? Ist es Recht andere zu diskriminieren? Zu beschimpfen?
Herabzusetzten? Habe ich das Recht zu leben? Bin ich es wert zu leben? Bin ich liebenswert?
Bin ich gerecht? Gerechtigkeit…Gerechtigkeit…Ungerechtigkeit!!!!
Ja verdammt! (schreit) Ich bin Sigi, Nachfolger König Davids, Sohn Abrahams! Ich kann mehr
als ihr alle denkt, wenn ihr mich nur lassen würdet! Wenn man mich nur sehen würde, so wie
ich bin und wer ich bin! Ich bin ein schöner, intelligenter und mutiger Mensch. Jemand der für
sich und andere einsteht.
Es ist ungerecht, die ganze Welt verteufelt mein Volk. Als wären wir Abschaum, Gauner,
Gesindel! Wer gibt euch das Recht andere, aufgrund ihrer Herkunft so zu behandeln? Der Staat
und alle Staatsmänner sind die Verbrecher unter uns! Sie glauben, sie haben die Macht über
alles und jeden und können tun und lassen, was sie wollen. Uns helfen? (lacht). Als würde man
uns helfen? Alles Schlechte und jede Katastrophe wird uns in die Schuhe geschoben. Als wäre
man ein Fußabtreter. Ich bin es so satt! Ihr könnt mich alle mal!
Wenigstens habe ich dich noch, Hannah, meine kleine Freundin. Für unmöglich habe ich es
gehalten, dass eine Nicht-Jüdin, eine Goj, mir zur Seite steht, mich unterstützt oder sich für
mich einsetzt oder dass ich dir vertrauen kann. Treu und herzensgut kommst du mich jede
Woche besuchen und machts mir mein Leid etwas erträglicher. Du machst keinen Unterschied
zwischen Menschen. Du bist vorbehaltslos und ich schäme mich, wenn dieser Neid in mir
aufkommt, so zu sein wie du.
Ich weiß du willst, dass ich dich als erwachsen und reif wahrnehme. Warum nur willst du so
schnell erwachsen werden? Genieße die unbeschwerte Zeit eines Kindes doch noch ein
Weilchen. Zu schnell wird man erwachsen und mit dem Ernst des Lebens konfrontiert. Mit all
der Grausamkeit, all den Vorurteilen und Erwartungen, die auf einen einprasseln, als stände
man unter einem Regenschirm.
Dichterin willst du werden, dann hör niemals auf zu träumen. Als Kind hat man noch Träume
und Wünsche. Wenn wir zusammen sind, gibst du mir das Gefühl, dass ich noch träumen kann.
In meinem Träumen lebe ich auf der anderen Seite der Judengasse. In einem schönen Haus und
mit einer Horde von Kindern an meiner Seite. Ein studierter, angesehener und vermögender
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Mann, mit der schönsten Frau an seiner Seite. Oh Recha, warum hast du den Leutnant mir
vorgezogen? Nur weil ich keine Uniform trage? (Pause). Ausgelacht hast du mich.
Und dann ist da Ephraim in seinem Sonnen, Mond und Sternen Mantel, um den Schein zu
wahren wir hätten Reichtümer und Vermögen. Nichts haben wir. Kein Geld, kein Essen, noch
nicht mal ein kleines Feuer, um sich zu wärmen. Seit Tagen sitze ich hier in meinem Turm und
meine Gedanken kreisen, und ich friere mir den Hintern ab. Und was machst du Ephraim? Du
kaufst jeglichen Trödel weiter ein! Ohne Kopf und Verstand! Du kannst nicht mit Geld
umgehen, ein schlechter Geschäftsmann bist du! Du lebst nur im Heute, ohne überhaupt einen
Gedanken an die Zukunft zu verschwenden. Du versteckst dich nicht nur in deinem nutzlosen
Trödel, sondern verdrängst auch alle Ungerechtigkeit, die dir und uns entgegenschlägt. Wo ist
dein Stolz? Und wo ist dein Mut, Dinge nicht einfach hinzunehmen und etwas zu verändern?
(Pause)
Und jetzt willst du, dass ich in die Ferne ziehe? Nur weil deine Komfortzone durch mich Risse
bekommt? Ich bin dir für vieles dankbar, aber habe ich nicht das Recht meine eigenen
Entscheidungen zu treffen?
Nein! In dieser Welt nicht. In dieser Welt entscheidet bereits deine Herkunft, dein Wohnort
oder deine Kleidung darüber, wer man ist und was man in seinem Leben erreichen kann. Und
macht man einmal einen Fehler, ist man direkt unten durch in der Gesellschaft. Die nächste
Krise, der nächste Überfall, die nächste Krankheitswelle… das waren natürlich wir, die Juden.
(Pause)
Warum nur, kann ich meine Wut so schlecht kontrollieren? (wütend)
(Pause)
Da kommt sie schon wieder in mir auf! (schreit) Wie ein Vulkan brodelt es in mir, kurz davor
sich zu entladen! (schreit)
(Pause)
Ich fühle mich leer und schwach. „Wenn ich ein Dichter wäre, [...] ich würde lauter dunkle
Worte mischen. Bemüht euch nicht um einen Sinn, wo alles sinnlos ist.“ (Saalfeld 1999: 76)
(Pause)
Es gibt keine Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist ein Maßstab, der einem willkürlich mit seiner
Geburt zugeteilt wird. Ich gebe es auf für etwas zu kämpfen, das niemals existiert hat.
(Pause)
Bin ich überhaupt noch hier?