Saalfelds Kurzgeschichten im Rahmen des Unterrichts
Materialien
Die Schriftstellerin Martha Saalfeld
Martha Saalfeld war „wohl [die] bedeutendste Schriftstellerin der Pfalz“ (Brüchert, H., Rheinland-Pfälzerinnen. Frauen in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur in den Anfangsjahren des Landes Rheinland-Pfalz, Mainz 2001, S. 341). Saalfeld wird am 15. Januar 1898 in Landau geboren (Vgl., ebd., S. 341). 1918 studiert sie in Heidelberg Kunstgeschichte und Philosophie sowie zeitweise Pharmazie (Vgl., ebd., S. 341). Dort lernt sie ihren zukünftigen Ehemann, Werner vom Scheidt, kennen, der künftig ein bekannter Graphiker und Holzschneider werden sollte (Vgl., ebd., S. 341). Bereits während des Studiums entdeckt sie ihre Liebe zur Literatur. In der Anfangsphase ihres Schaffens widmet sie sich gänzlich der Lyrik (Vgl., ebd., S. 341). Im Jahr 1930 wird ihre erste Erzählung veröffentlicht und in den darauffolgenden Jahren zwei Theaterstücke (Vgl., ebd., S. 341). Jedoch wird sie vom Naziregime unterdrückt: Von 1933 bis 1945 ist es ihr verboten, zu veröffentlichen (Vgl., ebd., S. 341). Nach Kriegsende erscheinen wieder Gedichtbände, Erzählungen und Romane (Vgl., ebd., S. 343). Saalfeld erhält überregional Anerkennung: 1955 wird ihr der Literaturpreis der „Bayerischen Akademie der Schönen Künste“ verliehen und 1963 erhält sie den Kunstpreis des Landes Rheinland-Pfalz (Vgl., ebd., S. 343). Am 14. März 1976 stirbt sie in Landau (Vgl., ebd., S. 343). Bereits in ihrem Todesjahr sind ihre Werke kaum noch zu erwerben. Um gegen das Vergessen anzukämpfen, eröffnete 2023 die Martha Saalfeld-Forschungsstelle an der RPTU in Landau (Vgl. Das Zentrum für Kultur- und Wissensdialog (ZKW). Veranstaltungsankündigungen des ZKW. Im Sommersemester 2023. Zugriff unter: rptu.de/zkw, zuletzt aufgerufen am: 14. August 2023.). Die Leiterin, Prof. Dr. Anja Ohmer, sagt über die Autorin: „Trotz der hohen literarischen Qualität, der enormen Sensibilität ihrer Sprache und der Relevanz ihrer Themen bekam sie nie die literarische Anerkennung, die ihr zustand“ (Ebd.). Umso wichtiger ist es, ihrem Schaffen Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.
Viele Werke Saalfelds handeln von der Schönheit und der Bewahrung der Natur (Vgl., ebd.). Ziel dieser Arbeit ist es, zu untersuchen, wie in den Kurzgeschichten das Verhältnis zwischen Mensch und Natur dargestellt wird. Folgend werden die Kurzgeschichten „Das süsse Gras“ und „Die Forelle“ analysiert. Darauf folgt eine Zusammenfassung mit Fazit. Abschließend werden in einem weiteren Kapitel Saalfelds Kurzgeschichten im Rahmen des Fachs Darstellendes Spiel verortet und Umsetzungsvorschläge gegeben.
Das süsse Gras
Die Kurzgeschichte „Das süsse Gras“ behandelt das Machtverhältnis der Menschen gegenüber Tieren. In der Geschichte will eine Kuh mehr als das, was die Menschen für sie vorsehen. Doch sie wird misshandelt und ausgebeutet.
Die Geschichte spielt auf einem ländlichen Hof, auf dem Kühe zur Milcherzeugung (Z. 35) gehalten werden. Alle in diesem Kapitel aufgeführten Zeilenangaben beziehen sich auf die Kurzgeschichte „Das süsse Gras“ von Martha Saalfeld. Sie ist dem Anhang dieses Dokuments zu entnehmen. Durch die auktoriale Erzählperspektive erfährt man die Gedanken und Gefühle der Tiere sowie Menschen. Die Abfolge der Geschehnisse erfolgt chronologisch. Bevor die Kurzgeschichte analysiert wird, folgt zuvor eine kurze Inhaltsangabe. Das umzäunte Gelände, auf dem die Kühe weiden, ist karg. Auch wenn die Tiere nichts Genießbares finden, so verbringen sie die ganze Zeit über mit Fressen. Die Menschen jedoch können das Gatter öffnen und auf große Wiesen gelangen. Eine der Kühe versucht behutsam die Tür zu öffnen, scheitert jedoch. Sofort treibt der Knecht sie von dem Zaun weg. Doch sie kann das süße Gras nicht mehr vergessen, weshalb sie sich entschließt, auszubrechen. Als alle schlafen, öffnet sie die Tür und labt sich am Gras auf der anderen Seite. Der Bauer jedoch erwacht, stürmt heraus und misshandelt sie. Am nächsten Tag wird ihr ein Brett zwischen den Hörnern angebracht. Ihre ganze Zeit verbringt die Kuh wieder mit Fressen.
Der erste Satz verrät bereits, dass kein großer Wert auf das Wohlbefinden der Kühe gelegt wird. Die Tiere dürfen zwar auf einer Wiese weiden, doch ist diese mit „kargem und hartem Gras bedeckt“ (Z. 2). Das süße Gras, das der Titel verspricht, gibt es auf der Weide nicht. Hinzukommt, dass die Herde nur zwischen 18 und 07 Uhr Freigang hat (Z. 1). Wo sie die restliche Zeit des Tages verbringen, verrät der Text nicht. Je nach Jahreszeit kann davon ausgegangen werden, dass die Tiere nicht viele Sonnenstrahlen genießen dürfen. Darüber hinaus sorgt „ein Fichtenwäldchen“ (Z. 6) für weiteren Schatten. Nahrung oder Schutz gegen Unwetter bietet der Wald nicht (Z. 7 f.). In diesem Zusammenhang wird auf „eiserne[…] Güsse“ (Z. 9) verwiesen, die die Tiere über sich ergehen lassen müssen. Der tristen Nahrung und Schutzlosigkeit nicht genug, droht den Tieren auch noch der Tod auf dieser Weide. Stupide wird „[a]llerhand Ungenießbares“ (Z. 3) aufgezählt, was zwischen den nahegelegenen Felsen wächst. Die Tollkirsche (Z. 4) ist dabei und auch der Schachtelhalm (Z. 5) wird genannt: beides giftige Pflanze. Darüber hinaus weist das Gelände Torf (Z. 4) auf, was auf ein Moorgebiet hinweist – auch das Wollgras (Z. 5) ist eine Zeigerpflanze für Moore. Das auf den ersten Blick idyllische Plätzchen umfasst somit viele Gefahren – und könnte den Kühen vielmehr schaden als es ihnen guttut. So startet der zweite Absatz als Zusammenfassung des Hervorgehenden mit „Die Kühe haben es nicht leicht auf ihrer spärlichen Weide“ (Z. 11). Der einzigen Beschäftigung, der sie nachgehen, ist Fressen und Wiederkäuen (Z. 12). Der gesenkte Kopf (Z. 12) kann im Sinne menschlicher Verhaltensweisen gedeutet werden, womit die Kühe Traurigkeit und Sinnlosigkeit empfinden könnten. Denn früher kannten sie die Freiheit – sie waren „richtige Gebirgskühe“ (Z. 15). Daraus lässt sich schließen, dass die Menschen sie eingefangen haben, um sie für ihre Zwecke zu benutzen. Jetzt sind sie keine richtigen Gebirgskühe mehr – sie sind ihrer Identität beraubt worden. Als Zeichen, dass die Kühe dem Bauern gehören, tragen sie Glocken um den Hals (Z. 13). Das Glockenbimmeln ist durchweg zu hören (Z. 12 f.). Übersetzt man es jedoch in Worte, sagt es den Kühen „Friß oder stirb!“ (Z. 13). Die Glocke wird somit vermenschlicht. Durch ihre Aussage steht sie sogar über den Kühen. Die Kühe haben keine Wahl: Sie können entweder ihre Situation akzeptieren oder sie sterben. Diese eindringliche Redewendung macht den Rezipierenden die ausweglose Situation der Tiere klar. Das Geläute ist so unscheinbar und hypnotisch, dass sich die Worte auf „sanfte und fromme Weise“ (Z. 14) ins Unterbewusstsein der Tiere, aber auch der Leserschaft festsetzen. Auch die Wiederholung der Worte „fromm und sanft“ (Z. 15) trägt zur Festigung bei. Obwohl die Menschen an ihrer Situation schuld sind, werden diese das erste Mal in Zeile 17 erwähnt. Die Menschen können das Gatter überwinden (Z. 17) und finden sich auf „fetten Wiesen“ (Z. 18) wieder. Zwar leben Mensch und Tier in derselben Umgebung, doch können sie nicht gleichermaßen davon profitieren. Das erste Mal wird die Weide als Gefängnis (Z. 19) bezeichnet. Die Kühe sind die Gefangenen. „Jeden Tag sehn die Kühe, wie man eine Tür öffnet“ (Z. 18). Die Freiheit ruft nach ihnen, doch sie können die Tür nicht öffnen. Wie groß das Verlangen ist, wird durch die Wiederholung des Wortes „möchten“ (Z. 18 f.) erkenntlich. Der Wille einer blonden Kuh ist noch ungebrochen. Behutsam stößt sie gegen den Riegel (Z. 20) – doch nichts passiert. Der Riegel, der die Kuh von der Freiheit trennt, ist so wichtig, dass der Gegenstand vermenschlicht wird: „Er gehorcht nur dem, der ihn gemacht hat“ (Z. 20 f.): dem Menschen. Die Kuh ist nur eine „arme[…], gefangene[…] Kreatur“ (Z. 21). Der Begriff „Kreatur“ kann einerseits als Abwertung gedeutet werden, andererseits wird mit ihm Gott als Schöpfer verbunden. Es bleibt die Frage offen, wie Gottes Schöpfungen herabgewürdigt werden können, da doch alle Lebewesen ihre Daseinsberechtigung haben. Die Kuh kann nicht widerstehen und erhascht ein paar Halme. Erstmals wird von süßem Gras gesprochen (Z. 22). Doch ihr Hochgefühl wird sofort zerstört. Ein Knecht verscheucht sie mit den Worten „Weg da“ (Z. 23). Wie man erfährt, wedelt er dabei „nur zum Scherz“ (Z. 24) mit einem Stock herum. Die Charaktere sind konträr: Der Knecht ist guter Laune, die Kuh ist eingeschüchtert und hat Angst (Z. 24). Zurück bei ihrer Herde frisst sie ein wenig Gras, doch sie ist wählerisch (Z. 25) – sie kennt nun das viel bessere, süße Gras. Der Kampfgeist der Kuh wurde geweckt. Das Gras wird ihr vorenthalten, obwohl genügend da ist (Z. 26 f.). Zweimal sticht das Wort „Nein“ (Z. 26 u. 30) hervor. Die Kuh verneint ihre jetzige Situation – sie will sich nicht mehr mit minderwertigem Gras zufriedengeben (Z. 26). Der Knecht versteht ihre Gebärden, indem er sie darauf verweist: „Im Winter kriegst du´s dann schon“ (Z. 27 f.). Doch die Kuh versteht ihn nicht. Dennoch wird die Aussage des Knechts verneint (Z. 30). Ihm ist nicht zu vertrauen, er ist hinterlistig und hat sie schon zu oft getäuscht (Z. 30). Die Kuh muss sich auf sich selbst verlassen. Sie will den Menschen überlisten (Z. 31). In Zeile 31 f. erhält das Verhältnis zwischen Mensch und Tier eine neue Komponente: Die Tiere haben nur zwei Augen am Kopf, der Knecht jedoch besitzt weitere Augen am Rücken. Die Metapher zeigt, dass der Knecht die Kühe immer und überall überwacht. In der Realität ist es so, dass Menschen nicht mehr als zwei Augen besitzen, Tiere aber sehr wohl mehrere Augen haben können. Durch die Umkehrung wird die Kuh menschlicher und der Knecht bzw. die Menschen allgemein tierischer. Die Kuh will nachts einen weiteren Versuch starten, denn dann schläft der Knecht. Sein Schlaf wird mit einem Gewitter verglichen, das niemand beenden kann (Z. 33 f.). So kann sich die Kuh sicher sein, nicht entdeckt zu werden. „Sie hält das fest, was sie sich in den Kopf gesetzt hat“ (Z. 39). Die Kuh steht auf der Weide, frisst nicht (Z. 35) und wartet auf ihren Moment. Doch sie ist aufgeregt und unruhig (Z. 42). Sie malt sich aus, wie begeistert der Knecht von ihrer Milch sein wird, wenn sie das süße Gras gefressen hat (Z. 36 ff.). Die Menschen müssten nur erkennen, dass es auch für sie von Vorteil wäre, wenn die Kühe das bessere Gras fressen dürften. Lange Zeit steht die Kuh nur da und fokussiert ihr Ziel. Als alle Menschen ins Bett gehen (Z. 45 f.), läuft die Kuh zum Gatter (Z. 47). Zuvor öffnete ein Fremder das Tor. Da der Fremde sich allerdings nicht mit dem Riegel auskannte, ist es nun ein Leichtes für die Kuh, sie zu öffnen (Z. 48 f.). Die fremde Person und die Kuh weisen hier die gemeinsame Eigenschaft der Unwissenheit auf. Sobald sie das süße Gras erreicht hat, fängt sie an zu fressen (Z. 50). Erneut wird auf die Glocke verwiesen, die „bim-bam“ (Z. 52) und somit die Worte „Friß oder stirb“ (Z. 13) von sich gibt. Doch die Kuh zeigt keine Eile oder Gier (Z. 51), sie genießt das Futter und ist glücklich (Z. 53 f.). Zum einen frisst sie unter dem Fenster des Bauern (Z. 52), der eine Gefahr für sie bedeuten könnte und zum anderen hält sie sich um die Kapelle der heiligen Anna herum auf (Z. 53). Die heilige Anna ist die Großmutter Jesu. Ihr Name steht für die Erfahrbarkeit Gottes und für Liebe und Gnade. Mit Blick auf das kommende Ereignis, weidet die Kuh an Orten, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Auch werden an dieser Stelle wieder zwei Pflanzen erwähnt: die riesige Trollblume und die Schlangenwurz (Z. 54). Beide Pflanzen sind giftig. Es lässt sich die Frage in den Raum werfen, ob Saalfeld diese Pflanzen bewusst nannte. Wenn ja, schmeckt das Gras nun zwar süßer, doch lauern auch in der Freiheit Gefahren. War der Autorin die Giftigkeit der genannten Pflanzen bewusst, so könnte der Ausruf „Friß oder stirb“ (Z. 13) in „Friß und stirb“ umgeändert werden. Möglicherweise wird hier wieder die Unwissenheit der Tiere aufgegriffen und ein Appell an die Menschen zur Sorgfaltspflicht ausgesprochen. Denn letztlich sind Nutztiere und Menschen voneinander abhängig. Erneut wird die Glocke personifiziert, indem sie „bim-bam“ (Z. 54 f.) sagt. Von dem Gebimmel erwacht der Bauer und schlägt sich den Kopf an der Wand an (Z. 55 ff.). Nachdem er die Kuh erkennt, verwandelt er sich „in einen Teufel“ (Z. 60). Der Teufel steht antithetisch zu Gott, bei dem sich die Kuh gerade symbolisch aufhält (bei der Annakapelle). Rasend wirft sich der Bauer Kleidung über und stürmt mit einem Stock hinaus (Z. 60 ff.). Die Geschichte kommt zu ihrem Höhepunkt. Die Kuh hat etwas Verbotenes getan und gesündigt, weshalb der Bauer sie schlägt (Z. 62 f.). Außer „Geh weg!“ (Z. 56) gibt er nichts von sich. Seine Taten sprechen für sich. Diesmal war es kein Scherz. Die Fäuste treffen das Tier. Wie lange und wie hart die Kuh misshandelt wird, ist nicht klar. Durch die Auslassungspunkte (Z. 63) muss sich die Leserschaft ein eigenes Bild machen. Der Abschnitt endet mit einer Frage: „Ist es die Blonde, oder ist es die heilige Anna, die läutet?“ (Z. 63 f.). Durch die Rückführung auf die Kapelle tritt Gott in den Vordergrund. Wenn die Glocken der Kapelle läuten sollten, dann um das Geschehen zu übertönen? Oder ist es ein Zeichen Gottes, das auf die Ungerechtigkeit hinweisen soll? Von Gnade, geschweige denn Liebe ist jedenfalls nichts zu erkennen. In jedem Fall konnte der heilige Ort der Kuh – die auch ein Geschöpf Gottes ist – keinen Schutz bieten. Im letzten Abschnitt erfährt man, dass die Kuh am Leben ist. Ob sie Wunden davongetragen hat, wird nicht beschrieben. Doch wird sie weiter bestraft: Der Knecht befestigt ein Brett zwischen ihren Hörnern (Z. 65). „Da sieht sie nicht den Himmel und nicht die Wiese mehr“ (Z. 65 f.). Durch den Parallelismus wird erkenntlich, wie sehr ihre Welt nun weiter geschrumpft ist. Sie sieht nicht einmal mehr das süße Gras, nur noch die „dürftige Weide“ (Z. 66). Ihre Situation beschämt sie und macht sie traurig (Z. 67). Die anderen Kühe sehen sie an (Z. 67) – wahrscheinlich bemitleidend. Vor allem wird sie die Bestrafung abschrecken. Man kann davon ausgehen, dass sie sich nicht gegen die Menschen auflehnen werden. Die Kuh lässt sich jedoch nichts anmerken – ein entscheidendes „nein“ sticht hervor (Z. 68). Sie ist zwar wieder wie zu Beginn in ihrem Trott gefangen, doch ihren Stolz kann ihr niemand nehmen. Im letzten Satz heißt es: „Von süßer Milch schwillt ihr das Euter“ (Z. 69). Die Geschichte endet offen, da man nicht weiß, wie es mit der Kuh weitergeht: Wird sie für immer gefangen bleiben? Oder erkennen die Menschen den Zusammenhang zwischen der süßen Milch und dem Gras außerhalb der Weide?
Insgesamt betrachtet weist die Kurzgeschichte nüchtern auf die Umgebung hin, die jedoch – bei näherem Hinsehen – teilweise große Auswirkungen für die Tiere haben kann. Der Text beinhaltet viele Parallelismen sowie ausdrucksstarke Adjektive (z. B. spärlich, gefangen, süß etc.). Heraus sticht das Symbol der Glocke. Sie kennzeichnet die Kuh als Eigentum der Menschen. Gleichzeitig wird sie selbst personifiziert und vermittelt den eindringlichen Satz „Friß oder stirb“.
Die Forelle
Die Kurzgeschichte „Die Forelle“ behandelt ebenfalls das Machtverhältnis der Menschen gegenüber Tieren. In dieser Geschichte wird eine alltägliche Situation beschrieben: das Angeln.
Alle in diesem Kapitel aufgeführten Zeilenangaben beziehen sich auf die Kurzgeschichte. Sie ist dem Anhang dieses Dokuments zu entnehmen Die Geschichte spielt in der Natur. Ein zwielichtig aussehender Mann macht sich auf den Weg zu einem Bach. Dort will der Fischer die Moosbachforelle (Z. 16) fangen, um sie später zu verspeisen. Nach mehreren Versuchen gelingt es ihm, das Tier zu fangen. Durch die auktoriale Erzählperspektive erfährt man die Gedanken und Gefühle des Fischers, der Fisch hingegen bleibt stumm. Die Abfolge der Geschehnisse erfolgt chronologisch.
Unvermittelt beginnt die Geschichte damit, dass ein Mann mit einer „Angel und einem Fäßchen über der Schulter durchs Dorf“ (Z. 1) geht. Das Vorhaben des Mannes wird der Leserschaft somit sofort bewusst. Im ersten Absatz wird der Mann näher beschrieben. Er trägt braune Hosen aus Samt und eine Kappe aus Seide (Z. 1 f.). Zum einen weisen die Stoffe darauf hin, dass der Mann vermögend ist, zum anderen überrascht die Stoffwahl angesichts der bevorstehenden Tätigkeit. Seine Beine sind bleich (Z. 2), woraus man schließen kann, dass der Mann nicht oft in der Sonne ist. Außerdem wird von „Adern in dicken, blauen Strängen“ (Z. 3) gesprochen, die hervortreten. Womöglich kann hier eine Parallele zum Bach gezogen werden, der das Gelände durchzieht (Z. 24) und wie eine Lebensader die Organismen am Leben erhält. Weiter ist der Mann unruhig und nicht vertrauenswürdig (Z. 3 f.). Sein Verhalten gleicht dem eines Diebes, „obgleich er befugt ist, Forellen zu fischen“ (Z. 4). Der Mann hat anscheinend eine Ausbildung zum Fischer genossen. Somit müsste er wissen, dass der respektvolle Umgang mit Tieren an erster Stelle steht. Wenn er aber ein „Dieb“ ist und der Fisch seine Beute, lässt sich erahnen, dass er nur sein Ziel vor Augen hat und ihm alles andere egal ist. Der Mann befindet sich in einem Nachbarland Österreichs (Z. 6) – mit Blick auf Saalfeld vermutlich Deutschland. Die Mittagshitze ist unerträglich (Z. 5). Alle Dorfbewohner haben sich der Heuernte gewidmet (Z. 7 f.). Nur die Hunde beobachten den Angler (Z. 10). Vielleicht hat sich der Mann deshalb die Mittagszeit ausgesucht, weil ihn so niemand bei dem „Diebstahl“ ertappen kann. Er betritt einen Wiesenpfad (Z. 11). Neben der Wiese befindet sich bereits der Bach (Z. 11). „[D]er Schatten des Anglers“ (Z. 12) fällt aufs Wasser, so als ob die Fische auf das bevorstehende Unheil vorbereitet werden sollen. Ein Fisch versteckt sich; ein anderer springt aus dem Wasser (Z. 12 f.). Doch der Fischer interessiert sich nicht für sie. „Sie sind klein und nichtswürdig“ (Z. 12). Hieran wird deutlich, dass der Mann die Natur nicht achtet. Ihn befriedigt nur eine große Forelle als „Diebesgut“. Der Rücken der Moosbachforelle ist schwärzlich (Z. 16). Wie die Kappe des Anglers verweist die Farbe Schwarz auf Tod. Das Ziel ist es, ihr Fleisch zu essen. Es wird zwar sumpfig schmecken, doch das liebt der Mann (Z. 17 ff.). Diese Vorliebe hebt den bösen Charakter des Mannes hervor. Die düstere Atmosphäre bleibt erhalten, als der Mann durch die Wiesen geht. Dort ist die Natur noch ohne Menscheneinfluss (Z. 20). Die Farbgebung ist durch düsterviolette Sweertia (Z. 21) und schwarze Erde (Z. 22) dunkel gehalten. Auch einige Pflanzennamen (Schlangenwurz, Würgerenzian, Adlerfarn, Hirschzunge, Z. 21 ff.) erwecken den Eindruck, dass sich die Natur gegen den Eindringling zu wehren weiß. Der Mann, der als Pensionist (Z. 25) wahrscheinlich alt, allein und verbittert ist, ist angekommen. Der Weg war anstrengend: Mit „dem Ärmel des schmutzigweißen Hemdes“ (Z. 26) wischt er den Schweiß ab. Die weiße Farbe, die Friedlichkeit symbolisiert, wurde von Schmutz überdeckt. Dies könnte auch eine Metapher für den Lebensweg des Mannes sein. Ohne Zögern „zerpflückt“ (Z. 26) er einen Wurm und macht ihn als Köder am Angelhaken fest (Z. 27). „Seine Hand zittert“ (Z. 27): Doch nicht, weil ihm der Wurm leidtut, sondern weil er alt und vermutlich krank ist. Die Grausamkeit dieses Unterfangens wird durch den nächsten Satz intensiviert: „Ein Stückchen Fleisch leuchtet rot in der Sonne“ (Z. 27). In diesem Zusammenhang verbindet man die Farbe Rot mit Blut, Aggressivität und Macht. Der erste Versuch, die Forelle zu fangen, scheitert: „Nichts! Es ist, als atme der Mann auf“ (Z. 29). Für einen Moment fällt die Anspannung von ihm ab. Doch der Mann gibt nicht nach. Seit Wochen hat er ihr aufgelauert (Z. 30), sein „mörderische[r] Blick“ (Z. 32) hat den Fisch womöglich gewarnt. Dies zeigt, wie krampfhaft der Mann sein Ziel verfolgt. Er ist so verbissen, dass er zum Mörder wird. Die Forelle ist jedoch nicht ahnungslos: „[S]ie ist schlau, sie wittert ihren Feind“ (Z. 30 f.). Durch diese Personifikation – gleichzeitig findet sich hierin ein Parallelismus – wird die Forelle als ebenbürtiger Gegner klassifiziert. Der Mann startet einen zweiten Versuch: Wieder hat er keinen Erfolg (Z. 33). Hinzukommt, dass der Wurm weg ist (Z. 34). Bevor er einen zweiten Köder befestigen kann, entdeckt er die „braunroten Beeren der Tollkirsche“ (Z. 35). Wie der tote Wurm leuchten sie (Z. 35). Durch die Farbe Rot wird erneut auf Blut und Tod verwiesen, zumal die Früchte giftig sind. Das weiß auch der Mann (Z. 36). Die Leserschaft erfährt, dass er krank ist (Z. 36). Doch bevor er sich vergiftet, will er die Forelle fangen (Z. 37). Es scheint, dass der Mann erst seinen Seelenfrieden und Genugtuung erhält, wenn der Fisch ihm gehört. Er ist „erfüllt von Gier“ (Z. 37). Seine Rücksichtslosigkeit und Brutalität nehmen im Folgenden eine neue Dimension an. Weil er es in der Natur nicht lange aushält (Z. 40 f.), zerstört er alles: „Mit seinen Nagelschuhen zerquetscht er“ (Z. 37 f.) Pflanzen; er „zermalmt Schneckenhäuser und hornige Käfer“ (Z. 38 f.). Die Autorin hätte kaum ausdrucksvollere Verben verwenden können. Die mutwillige Zerstörung festigt sich im Kopf der Rezipierenden. Der Erzähler kommentiert: „Er ist ein böser Mensch“ (Z. 39). Sowohl mit Gott als auch mit den Tieren ist er zerstritten (Z. 39). Warum er diesen Hass verspürt, wird nicht geschildert. Doch wird sein Zustand als Begründung herangezogen: „Darum macht ihm die Sonne übel, darum auch schleicht er wie ein Dieb durchs Dorf“ (Z. 39 f.). Er will nicht gesehen werden, da er sich mit keinem versteht. In dem Symbol der Sonne kann auch Gott gesehen werden, der ihn für sein ehrloses Verhalten womöglich mit Krankheit bestraft hat. Am liebsten würde der Mann alles töten, doch dazu ist auch er nicht im Stande (Z. 41). Die Samen und die Speicherorgane der Pflanzen, die in der Erde liegen, bleiben verschont (Z. 41 f.). Insbesondere die Samen, die in alle Welt entführt werden (Z. 42) und somit vom Fischer entfernt sind, sorgen dafür, dass sich die Arten fortpflanzen und erhalten bleiben. Der Natur wird eine aktive Rolle zugesprochen, sodass sie sich aus den Fängen des Fischers herauswinden kann. Der Mann beginnt einen weiteren Versuch, die Forelle zu fangen (Z. 43). Die Hitze wird immer unerträglicher (Z. 44) – vielleicht ein Zeichen Gottes, denn die Sonne frisst alle Wolken auf (Z. 44 f.). Die Hitze schwächt den Fischer: Sein Arm wird schwer, „so schwer, als hinge eine beträchtliche Last daran“ (Z. 45 f.). Die Last kann mit den Lastern seiner Taten verbunden werden, die auf ihm lasten. Die Last zieht so sehr an ihm, „als solle er ertränkt werden, seines bösen Herzens wegen“ (Z. 47). Es gibt keine Hoffnung mehr: Nicht nur sein Kopf, auch sein Herz ist zerfressen von Bosheit. Auch für die Forelle scheint es zu spät – sie hängt an der Angel (Z. 48). Als der Fischer die Angel hochreist, ist etwas Dunkles wahrzunehmen (Z. 49). Hierin lässt sich die schwarze Farbgebung des Fisches wiedererkennen. Die Forelle kämpft um ihr Leben. Zuerst fliegt sie durch die Luft und tanzt an der Schnur, doch dann verhärten sich die Bedeutungen der Verben: Der Fisch schlägt auf und er windet sich (Z. 49 f.). Von der Größe der Forelle ist der Angler „zu Tode erschrocken“ (Z. 50) – möglicherweise ein Verweis auf den Ausgang der Geschichte. Der Kampf zwischen beiden geht auf dem Boden weiter (Z. 51 f.). Letztlich schafft es der Mann, sie zu überwältigen (Z. 52). Die Dauer des Kampfes zog sich hin, denn weiter heißt es: „Es ist höchste Zeit, sie soll den Haken nicht schlucken, an dem sie zugrunde gehen müßte“ (Z. 52 f.). Die Hoffnung, dass der Mann den Fisch wieder frei lässt, schwindet umgehend. Acht oder vierzehn Tage will er die Forelle „in seinem Brunnen halten, bevor er sie verspeist“ (Z. 54). Die Zeitangaben bei diesem sadistischen Vorhaben wurden bewusst gewählt: Acht steht unter anderem für Herrschaft und die Zahl vierzehn steht etwa für Ausdauer, die der Fischer sehr wohl bewiesen hat. Um den Haken herauszuholen, öffnet er das Maul des Fisches, „das bös und gefräßig ist wie sein eigenes“ (Z. 54 f.). Der Erzähler setzt damit Mann und Fisch auf eine Ebene. Dies ist allerdings differenziert zu betrachten: Eine Bachforelle ist zwar ein Raubfisch und geht daher auch auf die Jagd. Doch tut das Tier dies nicht, weil es böse ist, sondern weil es ohne Nahrung nicht überleben könnte. Der Fischer jedoch agiert aufgrund reiner Lust am Töten. Des Weiteren ist die Beute des Fisches keinen langen Qualen ausgesetzt – anders als der Fisch. Unter keinen Umständen darf man den Haken einfach herausziehen, doch genau das tut der Angler (Z. 56). Dabei ist ein Ton zu hören „als ächze der Fisch“ (Z. 56). Dem Mann ist es völlig egal, ob das Tier unnötig leidet. Die Spuren seiner Taten kann nun jeder sehen: Sein Hemd ist bespritzt mit Blut (Z. 57). Der Fisch ist im Wasserfass gelandet, wo er hektisch versucht einen Ausgang zu finden (Z. 58). Der Mann setzt sich „plötzlich hilflos geworden“ (Z. 59) ins Gras. Es kommt zu einem Wendepunkt der Geschichte. Der Kampf war zu viel für den Fischer. „Vor seinen Augen drehen sich unentwegt zwei Sonnen“ (Z. 60): Ihm ist schwindelig. Deutet man die Sonne als göttliches Symbol, so hat nun Gott die Führung übernommen und die Symptome der Krankheit verstärkt. So wie der Fischer die Geschöpfe Gottes missachtet und gequält hat, so ergeht es nun auch ihm: Er ächzt und reißt den Mund auf, als ob er einen Haken verschluckt hätte (Z. 60 f.). Ganz im Sinne von Matthäus 7,12: Wie du mir, so ich dir! Ob der Mann stirbt, bleibt offen – es kann allerdings von der Leserschaft vermutet werden.
Auch in dieser Kurzgeschichte wird die Umgebung beschrieben und es werden Namen von Pflanzenarten genannt. Doch insgesamt ist die Atmosphäre durchweg düster gehalten. Dazu tragen vor allem die Farbgebung (schwarz, braun, blau, rot) und negativ konnotierte Worte (z. B. unerträglich, kriechen, zermalmen, auffressen etc.) bei.
Zusammenfassung und Fazit
Die analysierten Geschichten „Das süsse Gras“ und „Die Forelle“ wurden von Martha Saalfeld geschrieben und 1947 in einem Kurzgeschichten-Band veröffentlicht. Für die Nachkriegszeit ist die Form der Kurzgeschichte typisch (Vgl. Spinner, K. H., Kurzgeschichten – Kurze Prosa. Grundlagen – Methoden – Anregungen für den Unterricht. (4. Auf.). Hannover 2020) – weshalb beide Werke auch als solche eindeutig zu klassifizieren sind: Es gibt einen offenen Einstieg und ein offenes Ende, es werden alltägliche Situationen beschrieben und der Konflikt zwischen Mensch und Natur steht im Vordergrund (Vgl. ebd., S. 15). In beiden Werken kommen zudem typischerweise wenige Charaktere vor. Direkte Rede ist wenig bis gar nicht zu finden. Beide Geschichten besitzen einen auktorialen Erzähler. Im Gegensatz zu „Das süsse Gras“ erfährt man über den Fischer in „Die Forelle“ einige Eigenschaften, allerdings kommen die Gefühle der Tiere dort nicht explizit zum Vorschein.
Ziel dieser Arbeit war es, zu untersuchen, wie in den Kurzgeschichten das Verhältnis zwischen Mensch und Natur dargestellt wird. Die geschilderten Beziehungen in den Kurzgeschichten sind eindeutig als ausbeuterisch und somit als unausgeglichen anzusehen.
Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier verschiebt sich in „Das süsse Gras“. Anfangs steht der Mensch klar über den Tieren, da er sie eingesperrt hat und über sie bestimmen kann. Sogar menschengemachte Gegenstände weisen die Kuh in ihre Schranken. Zum einen wird die Glocke personifiziert, indem sie durch ihr Gebimmel „Friß oder stirb“ verlauten lässt. Zum anderen wird auch beim Riegel des Gatters das Stilmittel der Personifikation verwendet, indem dieser nur auf denjenigen hört, der ihn gemacht hat. Ganz unscheinbar werden in einem Satz die Kühe auf eine Ebene mit fremden Menschen gestellt: Beide sind in ihrer Unwissenheit vereint; obwohl der Riegel menschengemacht ist, konnte auch der Fremde nicht korrekt damit umgehen. Im weiteren Verlauf dreht sich das Verhältnis: Dadurch, dass der Knecht am ganzen Rücken Augen besitzt, die Kühe aber nur zwei, werden die Menschen tierischer als die Tiere selbst. Dies könnte auch als Erklärung für die darauffolgende Misshandlung angesehen werden. Unterstützt wird der Bauer in dieser Szene durch das erneute Gebimmel der Glocke: „Friß oder stirb“. Somit steht am Ende der Mensch wieder über den Tieren, obwohl sein grausames Verhalten ihn mehr als gefühlloses, wildes Tier ausweist als die Kuh. Die Kuh hingegen tut niemanden etwas zu Leide. Ihr werden sogar menschliche Attribute zugewiesen: Sie ist traurig und beschämt, lässt sich aber nicht ihren Stolz nehmen.
Auch wenn der Bauer die Kuh schlecht behandelt hat, so hat er sich dennoch für einen naturnahen Beruf entschieden. Letztlich hängt sein Lebensunterhalt vom Wohlergehen der Milchkühe ab. Der Fischer hingegen zerstört die Natur bereitwillig, da er sie nicht lange aushält. Der Umgang mit Tieren wird in „Die Forelle“ um einiges brutaler geschildert. Der Angler steht sogar bildlich gesehen über der Natur: Sein Schatten fällt auf den Bach, in dem Fische leben, er zerquetscht die Pflanzen und zermalmt kleine Tiere. Zudem tötet er einen Wurm, der als Köder dienen soll, und er quält die Forelle, von deren Fang er besessen ist. Obwohl man keine Gedanken der Forelle erfährt und sie sich beim Fang auch wie ein normaler Fisch verhält, rückt das Tier dennoch durch einzelne Attribute auf die Ebene eines Menschen: Der Fisch ist schlau und wittert den Angler und sein Maul ist böse und gefräßig wie das des Mannes. Heraussticht die Bemerkung, dass der Mann nicht alles töten kann. Die Natur wehrt sich. Die Speicherorgane und die Verbreitung der Samen sorgen dafür, dass die Pflanzen erhalten bleiben. Und auch die unscheinbaren Pflanzennamen (Schlangenwurz, Würgerenzian) wehren den Eindringling bei genauerem Hinsehen ab; zumal das Gift der Tollkirsche den Mann umbringen könnte. Auch der Fisch wehrt sich gegen seinen Feind. Mehrmals hat der Fischer vergeblich die Angel ausgeworfen, doch als er ihn fängt, kämpft das Tier um sein Leben. Schließlich ist der Fischer hilflos und gebärdet sich im letzten Satz wie zuvor der Fisch. Zudem setzt er sich neben seine Beute: Der Mann steht nicht mehr über dem Fisch. Er ist schwach geworden, der Fisch jedoch ist stark geblieben. Trotz des gestörten Verhältnisses zwischen Mensch und Natur zeigt der Ausgang der Geschichte, dass sich die Natur nicht unterkriegen lässt. Am Ende holt sie sich immer das zurück, was die Menschen zerstört haben.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Intention der Autorin zum einen darin liegt, die Menschen auf die Natur aufmerksam zu machen. Denn für Saalfeld ist „Blume […] nicht einfach Blume“ (Molitor, H., „Muße und Feier. Die pfälzische Dichterin Martha Saalfeld und ihre Gartenwelt“, in: Martha Saalfeld (1898-1976). Dokumente und Materialien, hg. v. Wolfgang Diehl, Landau in der Pfalz 1986, S. 31). Durch die expliziten Nennungen der Pflanzennamen lernt die Leserschaft einzelne Pflanzen kennen. Im besten Falle erregt es das Interesse der Personen und sie setzen sich mit dem Thema weiter auseinander, sodass sie die Pflanzen auch irgendwann erkennen können und ein Bewusstsein für die Natur erlangen (Vgl. ebd., S. 31). Denn letztlich schützt man nur das, was man auch kennt. Mit Blick auf die Entstehungszeit der Geschichte – zwei Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs – lässt sich zum anderen in den Werken eine Parallele zu den Kriegserlebnissen ziehen. Wie die Kühe und die Forelle wurde auch Saalfeld unterdrückt und ihrer Freiheit beraubt. 1938 wurde ihr der Schriftstellerausweis entzogen und während der Kriegszeit wurde sie in einer Apotheke und später in einer Munitionsfabrik zwangsverpflichtet (Vgl. Diehl, W. Saalfeld, Martha, in: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 22, hg. v. Bayerische Akademie der Wissenschaften. Historische Kommission, Berlin 2005). Auch heute noch sorgen die Werke für Kritik an gängigen Praktiken wie Fischen als Hobby oder Nutztierhaltung. Vor allem wird die Ausnutzung und Misshandlung der Menschen gegenüber Tieren thematisiert. Die Verarbeitung des ungleichen Machtverhältnisses zwischen Tier und Mensch aber auch zwischen Menschen unterschiedlicher Stände, Herkunft, Religionen etc. kann in den Werken gesehen werden. Mit Blick auf weitere Analysen kann untersucht werden, ob andere Kurzgeschichten Saalfelds ähnliche Absichten verfolgen.
Saalfelds Kurzgeschichten im Rahmen des Unterrichts
Schüler*innen der Oberstufe können Saalfelds Kurzgeschichten im Grundkurs Darstellendes Spiel gewinnbringend umsetzten. Das Thema „Natur und Mensch“ sollte auf großes Interesse stoßen, da es den Alltag und die Zukunft der Lernenden betrifft: Gerade die Generation der 16- bis 18-Jährigen hat womöglich an Fridays for Future-Demonstrationen teilgenommen; der Begriff des Klimawandels fällt aufgrund verheerender Waldbrände oder anderen Ereignissen fast täglich in den Nachrichten; nicht zuletzt fällt die „Letzte Generation“ immer wieder durch ihre umstrittenen Aktionen – Kunstwerke werden beschmiert; Leute behindern den Verkehr, indem sie sich festkleben – in den Fokus. All das und vieles mehr sorgt bei den Schüler*innen zu individuellen Erlebnissen, Gedanken und Emotionen, die in einem Inszenierungsprojekt verarbeitet werden können.
Die folgenden Überlegungen beziehen sich auf eine 11. Klasse. Um auf das Thema einzustimmen, wird dem Kurs zu Beginn eine Traumreise präsentiert. Diese besteht nur aus Geräuschen. Die Geräusche stehen konträr zueinander (z.B. Vogelgezwitscher und Motorsägen) und sollen Bilder im Kopf entstehen lassen. Anschließend werden die Eindrücke besprochen und festgehalten. Einige der hierbei gesammelten Punkte können womöglich auch in der Explorierungsphase weiterverwendet werden. Bei Saalfelds Kurzgeschichten ist zu beachten, dass die Spieltexte nicht für eine theatrale Umsetzung geschrieben wurden. Deswegen ist es ein primäres Ziel, dass die Schüler*innen die Kurzgeschichten in theatrale Texte umschreiben (Vgl. Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur, Lehrplan Darstellendes Spiel, Einführungsphase und Qualifikationsphase der gymnasialen Oberstufe (Mainzer Studienstufe). Rheinland – Pfalz 2008). Dies entspricht dem Lehrplan, der „im Anfangsunterricht […] das Erstellen eigener Spieltexte im Vordergrund“ (Ebd., S. 26) sieht. Nachdem die Kurzgeschichten gelesen wurden, sollen in getrennten Gruppen (je Kurzgeschichte zwei Gruppen) Standbilder gestellt werden. Dies dient dazu, die wichtigsten Momente der Geschichten zu erkennen. Weiter wird besprochen, was Saalfelds Texte noch auszeichnet (Naturbeschreibungen, Nennung von Pflanzenarten, Menschen meist im Hochstatus, Natur/Tiere meist im Tiefstatus). Da in Saalfelds Werken vieles durch Erzählerrede vermittelt wird, müssen die Schüler*innen entscheiden, ob sie einen Erzähler/ Moderator miteinbinden möchten. Denkbar wäre es etwa auch, die Rollen erstarren und eine weitere Person hinzutreten zu lassen, die einen inneren Monolog spricht. Um sich in die Rollen hineinzuversetzen, ist es darüber hinaus sinnvoll, die Haltungen und Bewegungen der Figuren zu erproben. In einem weiteren Schritt sollen die Lernenden die Kurzgeschichten in Minidramen umschreiben. Zum Szenischen Schreiben wird ihnen eine Hilfestellung (Siehe Anhang S. VI ) an die Hand gegeben. Erste szenische Gestaltungsideen werden erarbeitet.
Das Ziel, am Ende eine Collage (Vgl. Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur: Lehrplan Darstellendes Spiel.) zu präsentieren, über die mehrere Storys erzählt werden, wird dem Kurs vorgegeben. Verknüpft sind die einzelnen Geschichten durch den Themen-Schwerpunkt „Natur und Mensch“. In der Explorierungsphase werden unterschiedliche Themen und Materialien zum Themen-Schwerpunkt gesucht. „Wichtig ist, dass Entscheidungen sowohl zur Wahl von Spieltexten als auch zu den Inszenierungskonzepten, die zu ihrer szenischen Umsetzung führen, stets mit den Schüler*innen und nach ihren Interessen und Gestaltungsmöglichkeiten getroffen werden“ (Ebd., S. 26). Die Lernenden überlegen daher selbst, wo sie in ihrem Alltag Ungerechtigkeiten zwischen Mensch und Natur feststellen. Zu denken ist dabei an die Tötung von Wildtieren sowie die oft vielen gleichgültige Tötung von Insekten, die Abholzung von Regenwald etc. Aber auch der traditionelle Stierkampf etwa in Spanien oder die jährlich erscheinende Reality-Show „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ eröffnen viel Potential für das Projekt. Je zwei Schüler*innen suchen sich ein Unterthema aus und erarbeiten ihr eigenes Minidrama – entsprechend den herausgearbeiteten Aspekten, die Saalfeld in ihren Werken verwendet.
Bei der theatralen Umsetzung der Storys auf der Bühne sollen sich die Schüler*innen frei entfalten und ihre Ideen ausprobieren (Vgl. ebd., S. 33). Ziel ist, dass die Lernenden ihre „Imaginationsfähigkeit als Grundlage für die Schaffung innerer Bilder und damit für die Entstehung und Wahrnehmung gestalterischer Prozesse“ (Ebd., S. 33) ausbauen. Alle im weiteren Verlauf dargestellten Gestaltungsideen sind beispielhaft aufgeführt, denn die Lehrkraft sollte „die Arbeitsprozesse der Gruppen [nur] als Helfer und Ratgeber […] begleiten, ohne selbst dominant zu werden“(Ebd., S. 42) – im Fokus stehen immer die Schüler*innen!
Zu Beginn könnte jeder zentrale Charakter einer jeden Szene auf die Bühne treten und dabei einen Satz oder eine Bewegung ausführen, die auf seine jeweilige Szene verweist (z. B. beim Unterthema Tötung von Insekten: „Mach das weg!“). Dies könnte gleichzeitig geschehen, womit das Publikum nicht alles erfassen könnte. Um die Ereignisse zu kommentieren, könnte Mutter Natur als Richterin über dem Geschehen stehen. Denkbar wären auch konträre Rollen: Mutter Natur, die alles positiv sieht und Vater Natur, der das Treiben auf der Welt negativ betrachtet. Es wäre ein Einfaches für diese Rollen in das Geschehen auf der Welt (auf der Bühne) einzugreifen und die Situationen zu verändern. Beispielsweise könnte der Stier dem Torero überlegen sein oder eine Person könnte mit einer Fliegenklatsche sein Gegenüber treffen anstatt Insekten. Auch könnten diese Rollen dem Publikum Fragen stellen (Wer hat schon einmal eine Mücke getötet?) oder es in Gespräche verwickeln. Im Sinne fächerverbindender Aspekte könnten Mutter/Vater Natur auch als Lehrpersonen fungieren und botanische Begrifflichkeiten nennen. Beispielsweise wäre es möglich, (bei entsprechendem Geschehen auf der Bühne) ein großes Plakat hochzuhalten auf dem etwa die Fahne, Flügel und das Schiffchen (Dies sind Begriffe von Blütenbestandteilen von Pflanzen aus der Familie der Schmetterlingsblütler ) einer Pflanze beschrieben werden. Oder es könnte ein Kommentar fallen, wenn (auf der Bühne) gerade eine Arnika-Pflanze zertrampelt wurde – diese Pflanze stellt nämlich eine Verantwortungsart für Deutschland dar und somit ist deren Erhalt wichtig. Insbesondere bei der Kurzgeschichte „Das süsse Gras“ könnte diese Idee umgesetzt werden. Weiter ist denkbar, die einprägsame Aussage „Friss oder stirb“! mehrmals in der Szene chorisch zu sprechen. Zudem könnte die Kuhherde in Rastern durch den Raum gehen. Eine einzelne Kuh bricht jedoch irgendwann aus „diesem Gefängnis“ aus und folgt ihrem eigenen Kopf. Wenn der Bauer die Kuh schlägt, kann dies in Zeitlupe oder auch im Zeitraffer geschehen. Dies wäre auch bei „Die Forelle“ eine Möglichkeit, um den Fisch aus dem Wasser zu holen. Da die Geschichte hier noch mehr Brutalität vermittelt als in „Das süsse Gras“, könnte die Szene auch in Form eines Schattentheaters umgesetzt werden. Um weitere Spielformen zu integrieren, könnte ein*e Schüler*in den Fisch als Puppenspieler zum Leben erwecken. Steht eine Schwarzlichtlampe zu Verfügung, könnte durch entsprechende Kleidung so die Aufmerksamkeit des Publikums bewusst auf den Fisch gesteuert werden. Generell können bei diesem Thema auch viele choreographische Elemente in Betracht gezogen werden. Es bietet sich an, das Bühnenbild leer zu lassen. Mittels Projektors könnten allerdings Bilder (Wiese, Fluss etc.) an die Wand projiziert werden. Die Schüler*innen könnten ein schwarzes Grundkostüm tragen. Die jeweiligen Rollen würden nur durch einzelne Kleidungsstücke und Requisiten hervorgehoben werden, wie etwa mittels einer Regenjacke und Angel (Fischer) oder einer Glocke um den Hals und einem Haarreif mit Hörnern (Kuh). Das Ende könnten wiederum Mutter/Vater Natur einleiten, indem sie die Menschen auf ihre Taten aufmerksam machen und somit zum Denken anregen. Beispielsweise könnten sie das Gedicht „Grün“ (Siehe Anhang S. VII ) von Martha Saalfeld mehrmals aufsagen und die Personen währenddessen in eine „Buchstaben-Formation“ bringen (z.B. bei 13 Personen „Liebe die Natur“), die das Publikum entziffern muss.
Um den Arbeitsprozess und die Aufführung evaluieren zu können, sind Fotos und Videoaufnahmen sinnvoll (Vgl. Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur: Lehrplan Darstellendes Spiel ). Es wird reflektiert, was funktioniert hat und was nicht, wie die Erarbeitungsphase und die Aufführung erlebt wurden und welche (individuellen) Ziele erreicht werden konnten. Eine Videoaufnahme hat den Vorteil, dass die Schüler*innen von der Schauspielrolle in die Rolle des Publikums schlüpfen und so die Wirkung des Dargestellten besser beurteilen können.
„Martha Saalfeld zählt unbestritten zu den wichtigsten Autoren der Nachkriegszeit als Romanautorin und des 20. Jahrhunderts als Dichterin von Gedichten. Sie dem Vergessen zu entreißen ist keine Frage der Pietät sondern der Notwendigkeit“ (Diehl, W., „Die Gefährten schlang die Erde ein. Über die Notwendigkeit, das Andenken an die Dichterin Martha Saalfeld wachzuhalten und zu erneuern“, in: Martha Saalfeld (1898-1976). Dokumente und Materialien, hg. v. Wolfgang Diehl, Landau in der Pfalz 1986, S. 17). Die behandelten Werke von Martha Saalfeld besitzen aufgrund ihrer Thematik einen großen Anreiz für Schüler*innen. Darüber hinaus bieten sie viel kreativen Freiraum für eine szenische Umsetzung. Den produktiven Eingang von Saalfelds Werken in die Schule – gerade auch in rheinlandpfälzische Schulen – halte ich daher für sinnvoll und wichtig.
Anhang
DAS SÜSSE GRAS
Saalfeld, M., Das süße Gras. Kurzgeschichten. Bachmair, Söcking 1947, S. 9-12)
Das Gelände, in dem die Kühe weiden dürfen, zwischen sechs Uhr abends und sieben Uhr in der Frühe, ist mit kargem und hartem Gras bedeckt. Ein kleiner Berg ist da, Aufgipfelung des großen, auf dem der Hof liegt. Allerhand Ungenießbares gedeiht zwischen Fels und Geröll, Tollkirsche, Latschen und kleine lederige Stauden. Eine Stelle des Geländes ist torfig, Moos wächst dort, Wollgras und Schachtelhalm. Es schmeckt den Kühen nicht. Weiter unten ist ein Fichtenwäldchen. Der Boden ist mit Nadeln bedeckt, Korallenwurz und schmutzigweiße Pilze stehn im Schatten. Nichts als Schatten gewährt das Wäldchen den Kühen, keine Nahrung, keinen Schutz gegen die Unbilden des Wetters. Wie vermöchte auch ein so dünnes kleines Wäldchen wider die eisernen Güsse aufzukommen, die der flammende Himmel mindestens einmal in der Woche entläßt!
Die Kühe haben es nicht leicht auf ihrer spärlichen Weide. Den ganzen Abend und die ganze Nacht hindurch gehn sie mit gesenktem Kopf und malmendem Maul einher. Unablässig bimmeln die Glocken, die sie um den Hals tragen. „Friss oder stirb!“ sagen die Glocken. Sie sprechen das Harte und Bittere auf eine sanfte und fromme Weise aus, und die Kühe selbst bleiben fromm und sanft dabei, obgleich sie richtige Gebirgskühe und in der Wildnis aufgewachsen sind.
Die Menschen, die vom Berg hinabgehn ins Tal, heben die Tür des Gatters ein wenig hoch und stehn sogleich in fetten Wiesen. Jeden Tag sehn die Kühe, wie man eine Tür öffnet. Sie möchten es den Menschen nachtun, möchten das dürftige Gefängnis im Rücken lassen. Die große blonde Kuh stößt mit leisem Schnauben an den Riegel aus Holz. Der Riegel bewegt sich nicht. Er gehorcht nur dem, der ihn gemacht hat, nicht der armen, gefangenen Kreatur. Ein paar Halme zieht die Blonde durchs Gitter, süße Halme, die sie wohllüstig malmt. Der muntere junge Knecht kommt mit einem Stock. „Weg da“, ruft er und läßt das Holz durch die Luft sausen. Er tut es nur zum Scherz, der Gutgelaunte, aber die Kuh erschrickt und springt zur Seite. Sie schlägt sich zu den andern, die ruhig grasen. Sie frißt ein wenig, schnuppert wählerisch umher. Nein, sie kann das süße Gras nicht vergessen, das man ihr vorenthält. Gras wächst, soweit das Auge sieht. Es ist da, um gefressen zu werden - wer aber gelangt dazu? ,,Im Winter kriegst du's dann schon“, sagt der Knecht zur Blonden. Sie versteht ihn nicht, und wenn sie ihn verstünde, würde sie ihm glauben, darf ihr hartes und von vielem Regen ausgelaugtes Heu einst süßes Gras war? Nein, der Knecht ist unglaubwürdig. Er neckt und täuscht sie zuviel. Aber vielleicht wird
sie ihn einmal überlisten. Am Tage nicht, da ist er ihr über. Er hat seine Augen nicht nur vorn am Kopf, wo sie die Tiere haben, auch sein Rücken sitzt voll davon. Nachts jedoch hören ihn die Kühe schlafen. Sein Schlaf ist wie Gewitter hinterm Berg. Nichts unterbricht ihn, die Stimme des Bauern nicht und nicht die Stimme in den Wolken.
Die Blonde steht herum und frißt nicht. Sie ist die beste Milchnerin auf dem Hof. Der Knecht wird Augen machen, wenn er sie morgen melkt. Wenig wird sie im Euter haben. Wie aber würde er schauen wenn ihr der Durchbruch in die Wiesen gelänge! Dann würden die Eimer überfließen, und der Duft von hundert Blumen würde ihm die Nase kitzeln. Die Kuh steht und starrt. Sie hält das fest, was sie sich in den Kopf gesetzt hat. Es macht sie steif und störrisch. Ein Mann geht an ihr vorbei, ein Fremder. Er sucht den Bauern. Nach einer Zeit kommt er wieder. Die Kuh steht noch immer. Ihr Fell zuckt, wenn sich die blinden, grauen Insekten darauf niederlassen. Ihr Schweif pendelt unruhig hin und her.
Die Kuh steht. Es wird Abend. Der Wind erhebt sich und peitscht ihr die Flanken. Die Sterne gehen auf, der Mond steigt über die Felsen. Nun nimmt der Knecht die Ziehharmonika und spielt und singt die Berge an. Der Bauer geht in die Kammer. Der Knecht hört zu spielen auf und klettert auf den Boden. Gleich darauf erschüttert sein Schlaf den Berg.
Die Kuh bewegt sich. Ihr Fell schimmert im Mondlicht. Sie schreitet den Weg hinab, den der Fremde heraufkam. Mehr nicht als Kühe wissen die Fremden von hölzernen Riegeln, wie sie hierzulande üblich sind. Schlecht verwahrt ist die kleine Tür, die Blonde öffnet sie leicht. Nun steht sie mitten im hohen Gras. Sie zögert keinen Augenblick, ihr Hunger ist groß geworden über Tag. Sie frißt auf eine umsichtige Art, ohne Gier und ohne Eile. Bim-bam, sagt die Glocke an ihrem Hals, bim-bam. Die Blonde weidet dicht unter dem Kammerfenster des Bauern. Sie schnuppert rund um die winzige Kapelle der heiligen Anna herum. Sie stöhnt und schnaubt vor Lust. Die riesige Trollblume schimmert an ihrem Maul, die Schlangenwurz windet sich. Bim-bam, sagt die Glocke, bim-bam. Mitten in den Traum des Bauern hinein schnaubt und läutet die Blonde. „Geh weg!“, schreit der Bauer und will sie aus seinem Traum verscheuchen. Da schlägt er sich den Kopf an die Wand. Er jammert und fährt in die Höhe. Da ist der Berg in Bewegung geraten und wandert mondbeglänzt am Fenster vorbei. Der Bauer denkt, es sei der Böse, der mit geblähtem Bauch in der Wiese steht. Dann erst erkennt er die Kuh und verwandelt sich nun selbst in einen Teufel. Die Hose springt ihm an den Leib, seine Sohlen klatschen über den Boden, seine nußbraunen Augen stellen sich schief. Er rafft einen Stock auf, raßt aus dem Haus. Lautlos fliegt er übers Gras dahin. Über der Annakapelle droht seine geballte Faust. Dann saust sie auf die Sünderin herab. Bum-bum ... Ist es die Blonde, oder ist es die heilige Anna, die läutet?
Am Morgen macht der Knecht der Blonden ein Brett zwischen die Hörner. Da sieht sie nicht den Himmel und nicht die Wiese mehr. Sie sieht nur die dürftige Weide dicht vor ihrer Nase. O sie ist traurig und beschämt! Sie hat ein Brett vor dem Kopf, die andern sehn sie an. Sie wird sich aber nichts merken lassen, nein. Ein mageres Hälmchen ums andere zupft sie aus der Erde. Sie frißt und frißt. Von süßer Milch schwillt ihr das Euter.
DIE FORELLE
Saalfeld, M., Das süsse Gras. Kurzgeschichten. Söcking 1947, S. 42-45.
Der Mann geht mit der Angel und einem Fäßchen über der Schulter durchs Dorf. Er trägt Kniehosen aus bräunlichem Velvet und ein speckiges Käppchen schwarzer Seide. An seinen bleichen Beinen treten die Adern in dicken, blauen Strängen hervor. Der Mann eilt, als sei einer hinter ihm. Er hat einen scheuen und verschlagnen Blick und ein Diebsgebaren, obgleich er befugt ist, Forellen zu fischen.
Es ist Mittag, die Hitze ist fast unerträglich. Klar und scharf schneiden die Berge ins Blau. Nur über den Felsen, die das Land gegen Österreich abriegeln, steigen ein paar Wolken empor. Sie sind wie Rauch von lichtem Braun, die Sonne zehrt sie auf. Die Bauernhäuser liegen verlassen, längst hat allenthalben die Heuernte begonnen. Die Hunde nur sind daheim geblieben, weiße und schwarze Spitze. Obgleich sie immer zu kläffen geneigt sind, halten sie sich in der Mittagshitze still. Die Vorderbeine gekreuzt, beobachten sie leicht erhobenen Kopfes den Angler.
Der läßt die Häuser links liegen und biegt in einen Wiesenpfad ein. Neben dem Pfad läuft der Bach hin. Einen Augenblick lang fällt der Schatten des Anglers aufs Wasser. Blitzschnell schlüpft eine Forelle zwischen glattem Gestein. Ein paar Schritte weiter macht die zweite einen Luftsprung. Der Mann beachtet sie beide nicht. Sie sind klein und nichtswürdig. Er aber weiß andere, eine zumal, die übertrifft an Größe alle, die er bislang gefangen hat. Sie steht im Moosbach, der träge fließt und sich in torfigen Wiesen fast verliert. Die Moosbachforelle ist schwärzlich am Rücken, nicht minder prächtig jedoch als die hell schimmernden Bewohner der raschern Gewässer. Ihr Fleisch wird ein wenig sumpfig schmecken, weil das faule und gestaute Element in sie eingegangen ist, aber gerade dies dumpfe Fleisch liebt der Mann.
Er verläßt jetzt den Pfad und watet durch die Wiesen. Hier ist das Gras noch nicht geschnitten. Schlangenwurz, Würgerenzian und düsterviolette Sweertia wachsen in Menge. Niedres Gehölz schließt dicht an die Wiese an. Da reift die Trunkelbeere, Bärlapp kriecht über schwarze Erde, Adlerfarn und Hirschzunge gedeihn bei verrottetem Stamm. In vielen Windungen, fast verborgen von hohem Gras, durchfließt der Moosbach das Gelände.
Der Pensionist setzt das Wasserfaß, das er an einem Lederriemen trägt, zur Erde. Schweiß perlt ihm auf der Stirn. Mit dem Ärmel des schmutzigweißen Hemdes wischt er ihn ab. Er zerpflückt einen Wurm und streift ihn über den Angelhaken. Seine Hand zittert. Ein Stückchen Fleisch leuchtet rot in der Sonne, dann taucht es zwischen die Gräser nieder. Die Angelschnur schwimmt im Wasser. Einen Augenblick nur, dann fliegt sie hoch. Nichts! Es ist, als atme der Mann auf. Aber ist er in der Mittagshitze fortgerannt, um nichts zu fangen? Hat er der riesigen Forelle nicht seit Tagen und Wochen aufgelauert? Ah, sie ist schlau, sie wittert ihren Feind! Vielleicht verrät ihn der elastisch federnde Boden, vielleicht auch hat sie der mörderische Blick gewarnt, mit dem er sie neulich erspähte.
Er läuft ein paar Schritte bachauf. Wieder legt er den Haken aus und wirft ihn hoch. Nichts. Aber der Wurm ist weg. Um den nächsten zu spießen, setzt er sich einen Augenblick lang auf den moosigen Strunk im Gebüsch. Die braunroten Beeren der Tollkirsche an zarten und schlaffen Zweigen leuchten in Reichweite. Der Mann weiß, daß ihr Gift genügen würde, seinen kranken Körper zu heilen. Bevor er aber ans Sterben denkt, will er sich die Forelle einverleiben. Er ist ungeduldig und erfüllt von Gier. Mit seinen Nagelschuhen zerquetscht er den üppigen Pflanzenwuchs zu seinen Füßen, zermalmt Schneckenhäuser und hornige Käfer. Er ist ein böser Mensch, mit Gott und den Tieren zerfallen. Darum macht ihm die Sonne übel, darum auch schleicht er wie ein Dieb durchs Dorf. Er hält es nicht lange aus in der üppig wuchernden Natur, er kann ja nicht alles töten, was um ihn her ist, den Knollen und Wurzelstöcken kommt er nicht bei, und den Samen entführt der Wind in alle Welt.
Der Mann erhebt sich wieder. Von neuem beginnt nun die Jagd. Es ist nur ein kleiner Raum, in dem die Forelle steht. Rasch hat er ihn durchlaufen. Immer unerträglicher wird die Hitze. Alle Wolken, die emporsteigen, frißt die Sonne auf. Der Arm, der die Rute hält, wird lahm und schwer, so schwer, als hinge eine beträchtliche Last daran. Die Last zieht und zieht, es ist, als wolle sie den Mann hinabholen ins Wasser, als solle er ertränkt werden, seines bösen Herzens wegen. Er steht und starrt mit glasigen Augen. Dann begreift er: das ist sie, die Riesenforelle, sie hat angebissen!
Er reißt die Angel hoch. Etwas Dunkles fliegt durch die Luft, tanzt wie rasend an der Schnur, schlägt auf den Stein, windet sich wie eine Schlange. Der Angler ist zu Tode erschrocken. Das ist die größte Forelle, die er je gesehen hat! Er stürzt zu Boden, sucht sie mit beiden Händen zu packen. Sie entwindet sich ihm, schlüpft und gleitet im hohen Gras. Schließlich gelingt es ihm doch, sie zu fassen. Es ist höchste Zeit, sie soll den Haken nicht schlucken, an dem sie zugrunde gehen müßte. Er will sie noch acht oder vierzehn Tage in seinem Brunnen halten, bevor er sie verspeist. So bricht er ihr das Maul auf, das bös und gefräßig ist wie sein eigenes.
Beim Herausziehen des Hakens entsteht ein Ton, - es ist als ächze der Fisch, der seiner Natur nach stumm sein müßte. Das Hemd des Anglers ist mit Blut bespritzt.
Schaudernd läßt der Mann die Kreatur ins Wasserfaß gleiten, darin sie wie ein Satan rast und tobt. Dann setzt er sich - plötzlich hilflos geworden - ins Gras neben seine Beute. Das speckige Käppchen ist von seinem Kopf geglitten, vor seinen Augen drehen sich unentwegt zwei Sonnen. Er ächzt und reißt die Kiefer auseinander, als säße ihm die Angel tief im Schlund.
Szenisches Schreiben
Wie schreibe ich ein Minidrama?
Wählen Sie ein Rahmenthema.
Schreiben Sie eine Liste von szenischen Bildern (was auf der Bühne passiert), Sätzen, Wörtern, Figuren auf.
Wählen Sie einen Aspekt aus und schreiben Sie drauflos.
Versetzen Sie sich in Ihre Figur hinein. Versuchen Sie die Wünsche, Ängste und Sehnsüchte Ihrer Figur nachzuempfinden. Machen Sie sich die Absichten und Motive Ihres Handelns bewusst.
Falls noch nicht geschehen, wandeln Sie den Text in einen szenischen Text um.
Zu beachten:
- In GROSSBUCHSTABEN: Person, die etwas sagt.
- Kursiv: Szenenanmerkungen
- Kursiv und (in Klammern): Regieanweisungen
- Text ohne Anführungszeichen und Doppelpunkte.
- Merkmale von Mündlichkeit: scheinbar unvollständige Sätze, Interjektionen, sprachliche Verweise, Interpunktionssignale
- Kursiv: Szenenanmerkungen
- Nun wird der Text bearbeitet. Ggf. kürzen, ergänzen, verändern etc. Stellen Sie sich das Minidrama so genau wie möglich vor.
Eines der kürzesten Minidramen der Welt…
Abraham, U., „Szenisches Schreiben“, in: Praxis Deutsch, 43, 260, 2016, S. 4-11.
Richhardt, T., Praxismaterial: Szenisches Schreiben im Unterricht. Minidramen: Texte zum Nachspielen, Übungen und Methoden. (2. Auf.). Seelze 2018.
Martha Saalfeld: Grün
Aus: Roland, B. (Hrsg.), Martha Saalfeld. DIE GEDICHTE. Saarbrücken 1998, S. 197
Ich habe gesehen
was ich nicht sage,
ich sage nur: grün!
Ich werde mich hüten
euch „grün“ zu erklären:
denkt euch nur selbst
was aus…
Literatur
Saalfeld, M., Das süsse Gras. Kurzgeschichten. Söcking 1947.
Brüchert, H., Rheinland-Pfälzerinnen. Frauen in Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur in den Anfangsjahren des Landes Rheinland-Pfalz, Mainz 2001.
Das Zentrum für Kultur- und Wissensdialog (ZKW). Veranstaltungsankündigungen des ZKW. Zugriff unter: rptu.de/zkw, zuletzt aufgerufen am: 14. August 2023.
Diehl, W., „Die Gefährten schlang die Erde ein. Über die Notwendigkeit, das Andenken an die Dichterin Martha Saalfeld wachzuhalten und zu erneuern“, in: Martha Saalfeld (1898-1976). Dokumente und Materialien, hg. v. Wolfgang Diehl, Landau in der Pfalz 1986, S. 9-19.
Diehl, W. Saalfeld, Martha, in: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 22, hg. v. Bayerische Akademie der Wissenschaften. Historische Kommission, Berlin 2005, S. 314-315.
Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur: Lehrplan Darstellendes Spiel, Einführungsphase und Qualifikationsphase der gymnasialen Oberstufe (Mainzer Studienstufe). Rheinland – Pfalz 2008.
Molitor, H., „Muße und Feier. Die pfälzische Dichterin Martha Saalfeld und ihre Gartenwelt“, in: Martha Saalfeld (1898-1976). Dokumente und Materialien, hg. v. Wolfgang Diehl, Landau in der Pfalz 1986, S. 27-35.
Spinner, K. H., Kurzgeschichten – Kurze Prosa. Grundlagen – Methoden – Anregungen für
den Unterricht. (4. Auf.). Hannover 2020