Ursula Krechel: Dankesrede zur Verleihung des Martha Saalfeld-Preises am 1. Dezember 2025
Veröffentlichung anlässlich des 128. Geburtstages von Martha Saalfeld
Die Martha Saalfeld Forschungsstelle dankt Ursula Krechel ausdrücklich für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung der Preisrede sowie für ihren bedeutenden Beitrag zur literarischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Werk von Martha Saalfeld.
Die Textrechte an der Preisrede liegen bei Ursula Krechel.
Anlässlich des 128. Geburtstages von Martha Saalfeld am 15. Januar veröffentlicht die Martha Saalfeld Forschungsstelle in diesem Jahr erstmals die Preisrede von Ursula Krechel, die für die Saalfeld-Forschung und die Verortung der Schriftstellerin von großem Wert ist.
Die Rede wurde am 1. Dezember 2025 anlässlich der Verleihung des Martha Saalfeld Preis vor einem großen und aufmerksamen Publikum gehalten. In ihrer Ansprache setzt sich Ursula Krechel differenziert und kenntnisreich mit Leben, Werk und literarischer Bedeutung Martha Saalfelds auseinander und verortet ihr Schreiben im literarischen und kulturhistorischen Kontext.
Mit der Veröffentlichung dieser Preisrede leistet die Forschungsstelle einen weiteren Beitrag zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Martha Saalfelds Werk und dessen fortdauernder Relevanz.
Die winzgen Toten von Martha Saalfeld und das große Morden
Preisrede von Ursula Krechel, 1. Dezember 2025
Geboren um die Wende zum 20. Jahrhundert: das ist Aufbruch und Erschütterung zugleich, besonders für Frauen. Hineingeboren in den wilhelminischen Ordnungsstaat mit einer über jeden Zweifel erhabenen Obrigkeit, sind sie dann alt genug, um die Erschütterungen des Ersten Weltkriegs mitzuerleben, den Taumel der Begeisterung, das Sterben von Brüdern, angeschwärmten Tanzstundenpartnern, vielleicht von Verlobten. Sie werden erwachsen mit der Ausrufung der Weimarer Republik. Sie gehören zur ersten Generation von Frauen, denen das Wahlrecht geschenkt wird. Andere, vermutlich nicht ihre Mütter, haben darum hart gekämpft. Die Inflation vernichtet die Vermögen vieler bürgerlichen Familien. Nun leuchtet auch den konservativsten ein, dass ihre Töchter nicht für die Heirat präpariert werden müssen. Sich für ein Studium zu entscheiden, ist sehr viel leichter, verspricht ungeahnte Chancen; es muss nicht das langweilige Lehrerinnenseminar sein.
Martha Saalfeld, 1898 in Landau geboren
Elisabeth Langgässer, 1899 in Alzey geboren
Lil Picard, die einmal Lilli Elisabeth Benedick hieß, 1899 in Landau geboren
Anna Seghers, die einmal Netty Reiling hieß, 1900 in Mainz geboren
Martha Saalfeld studiert in Heidelberg, 1923/24 studiert auch Anna Seghers dort. Sie hätten sich kennenlernen können, haben sich vielleicht gekannt. Die eine wirft ihre angefangene Dissertation hin, lässt sich nicht auf Änderungen ein, die andere promoviert über Rembrandt, schreibt leidenschaftliche Liebesbriefe und Romane, die überdauern. Zögerlich zunächst wandte sie sich dem Kommunismus zu – „ein großes großes Tier mit bösen Augen, wovor ich Furcht hab“, schreibt sie an ihren
Gefährten und späteren Ehemann, den ungarischen Emigranten László Radványi. Ein Heer von jungen Frauen drängt in die Angestelltenberufe. Vieles ändert sich radikal und bleibt doch gleich für die meisten Frauen, sofern sie heiraten, Mutter werden. Elisabeth Langgässer kann nicht mehr Lehrerin im Rheinhessischen bleiben, als sie schwanger wird. Eine uneheliche Mutter ist 1929 nicht tragbar; sie flüchtet nach Berlin in die Anonymität. Und das Jahr 1933 trennt die jüdischen Frauen radikal von den nichtjüdischen, der wahnhafte Gestaltungswille der Nationalsozialisten zerstört auch das, was einmal Emanzipation genannt wurde. Alles weitere ist bekannt. Anna Seghers wird von der Gestapo festgenommen, ihr gelingt die Flucht nach Frankreich, später nach Mexiko. Martha Saalfeld erhält nach der Uraufführung eines Stückes Schreibverbot. Lil Picard hat schon früh die Unsicherheit der Ländergrenzen erfahren, wächst in Straßburg auf, lebt in Berlin, schreibt journalistisch, ist vertraut mit Dada, dem Surrealismus. Es gelingt ihr und ihrem Mann, 1937 nach New York zu emigrieren, wo sie bald mit einem aparten Hutsalon Furore macht. Sie lebt die Popkultur, ehe dieses Label ein Begriff wurde. Und es dauert sehr, sehr lang, bis ihre avantgardistische künstlerische Arbeit in Deutschland wieder wahrgenommen wird. In der Neuen Nationalgalerie Berlin ist gegenwärtig eine überaus lustige Video-Installation von 1980 zu sehen: Lil Picard und ihre Perücken.
Der Ausflug der toten Mädchen, das Verhocken, Verharren der lebendigen Frauen, denen Wege ins Freie, das Denken ohne Geländer, ohne Rücksichtsnahmen abgeschnitten sind. Es bleibt die Verborgenheit, das Schweigen, das Träumen. Schreibverbot, aber kein Denkverbot. Abgetrennt von der Provinz des Menschen ist die Provinz der Frauen, die Grenze ist nicht für alle durchlässig. Der norddeutsche Karl Krolow schreibt: „Früh habe ich die Gedichte Martha Saalfelds kennen gelernt, und immer werde ich an das süddeutsche Licht, die süddeutsche Sinnenhaftigkeit der Landschaft, ihr Prangen und ihre Fülle denken, wenn ich mich ihrer erinnere.“ Auf die Pfälzischen Gedichte von 1927 folgte 1946 Deutsche Landschaft. Gravierende Veränderungen in der Ästhetik sind nicht wahrzunehmen. Ja, die Landschaft mit Weinbergen und Kastanienwäldchen, aus der die Autorin stammt, ist betörend schön, sie ist auch ein Rückzugsgebiet mit allen Ambivalenzen. Eskapismus? Hiergeblieben. Fantasie, Ironie und ein deutlicher Schuss Eigensinn (Unbeugsamkeit) helfen. Was macht die Attraktivität des Gedichts in der Landschaft, des Naturgedichts in dieser Zeit aus? Es knüpft an eine Tradition, an das Unverfängliche, Unvergängliche, als ein Gespräch über Bäume noch kein Verbrechen war, sondern ein Versprechen und Bäume als Geister, als Naturwesen gesehen werden konnten, wenn sie nicht der Holzindustrie zum Opfer fielen, und ihr Wurzelwerk taugte als eine schöne Allegorie für alle Entwurzelten. Die Natur hilft, sie ist tröstlich und verlässlich. In ewigen Zyklen, in Rhythmen wandelt sie sich: der Mondkalender, die Jahreszeiten, der Wechsel der Witterung, Himmel, Wolken, Sterne, Vogelflug und Hasenfährten und Knospen im Frühjahr und Kastanien im Herbst. Das Naturgedicht rettete die sogenannte innere Emigration (ich gebrauche den Begriff in seiner Widersprüchlichkeit nur hilfsweise) in die fünfziger Jahre hinüber. Es wird gebraucht, weil von anderem, dem Entsetzen, auch der eigenen Erstarrung, nicht oder nur in Abbreviaturen gesprochen werden kann. Liebesgedichte in die Landschaft versetzt, der Entwurf einer Gartenidylle: Das ist ein mythologisches Thema. Zahlreiche Gartengedichte werden geschrieben, der Garten als ein Hortus conclusus, eine Abwehr gegen das Giftige, das Wurmstichige im Faschismus. Gelesen wurde die Gartenmetapher auch als ein Gegenbild zu den kulturpessimistischen Thesen in Freuds Das Unbehagen in der Kultur“ von 1930.
Durch Elisabeth Langgässers Unauslöschliches Siegel (1946) wandert der mythologische Gärtner, der die tote Natur wundersam erweckt. Und dann bei Martha Saalfeld in einer kleinen Erzählung Winterliche Vortragsreise(1946) die lapidare Bemerkung: „Ich hatte ein Buch geschrieben, das ‚Der Wald‘ hieß. Wer aber wollte von Wäldern etwas wissen, als rundherum die Städte noch in Schutt und Asche lagen? Natur war nicht gefragt, so sehr die Weidenröschen auf den Trümmern triumphieren mochten.“ Das Hindernis auf der Vortragsreise ist dann allerdings nur eine Kuh, die nicht von den Gleisen einer kleinen Bahnverbindung weicht.
Pan ging vorüber, so heißt bezeichnenderweise ein Buchtitel von Martha Saalfeld aus dem Jahr 1954, die Garten- und Lebensgeschichte eines Mädchens mit dem Namen Bettina, das Verse schreibt. Ursprünglich sollte das Buch Der verloreneGarten heißen. Natur ist gefragt, besonders die kultivierte Natur, die, der man die menschliche Arbeit, die sie so schön gemacht hat, die Weinberge, die Gärten, die Wälder, nicht mehr anmerkt. „Naturverzückt“ nennt Kasimir Edschmid eine solche Prosa. Da war Elisabeth Langgässer längst tot, ihr Kosmos, durch die Gartenpforte zu betreten, war windstill. In eine Landschaft gebettet zu sein, In- und Sinnbild von Heimat, sich an sie zu schmiegen, das ist nach der Zerstörung der Städte ein großes Gefühl, ein Bedürfnis der Trostbedürftigen. Aber wer wollte von zerstörten Städten wissen, wer wollte von Menschen, die in Ruinen hausten, wissen, wer, wenn er endlich unter einem gemütlichen, ländlich breit gelagerten Dach saß mit einem warmen Ofen, nachdem das Haus in Trümmern lag? Ausgebombt hieß der Terminus. Und der Terminus für diejenigen, die aus dem Land gejagt worden waren, hieß beschönigend ausgewandert. Wer wollte von Emigranten wissen, die ihre Familien verloren hatten, von Menschen, die die Konzentrationslager überlebt hatten, von Menschen, die irgendwohin transportiert werden mussten, weil sie lästig, überzählig waren, nicht „zu uns gehörten“, also vielleicht ins englische Mandatsgebiet Palästina, das erst 1949 Israel wurden – zur gleichen Zeit, als die drei Westmächte der Gründung der Bundesrepublik zustimmten. In Deutschland wollte sie niemand haben, und ihre Lage war so, dass sie vermutlich die feinen Weidenröschen einfach übersahen.
Wir haben heute ein dramatisch anderes Naturgefühl, und ich weiß nicht einmal, ob es noch ein Gefühl ist, sondern ein bedrohliches Wissen: über das Aussterben von Arten, über Flüsse, die austrocknen, Gletscher, die schmelzen, die dramatische Überhitzung der Stratosphäre. Aal, Feldhase und Bieber sind geschützte Tiere geworden. Tote Kraniche fallen vom Himmel, vielleicht auf ein Freigehege von Hühnern, die dann gekeult werden müssen. Und es rauscht Der Ewige Brunnen, so hieß die klassische Lyrik-Anthologie der fünfziger Jahre. Und was im Ewigen Brunnen stand, schien klassisch zu sein, jedenfalls durfte es nicht verloren gehen. Darin findet sich auch Martha Saalfelds Gedicht
Vom Tod der Tiere
Vom Tod der Tiere ist die Heide voll.
Da blüht ein Flügel, schimmert ein Gebein.
Wie sind im riesgen Licht die Toten klein?
O schöner Fittich, Augen ohne Groll …
Des Hasen sanftes Fell erweckt der Wind.
Es pludert sich am Vogelleib der Flaum,
und keine Trauer bleibt. Es rührt sich kaum
ein Laut der Klage. Denn vorüber sind
die winzgen Toten. Doch der Wolken Zug
ist ohne Ende. Ewig ist das Licht.
Der Regen kühlt ein glühendes Gesicht
und immer bleiben Wind und Vogelflug.
Aus dem Ewigen Brunnen stammt auch mein erstes Schulmädchenwissen, mein Staunen über das, was in Gedichten möglich war, als könnte man sich an den Wassern der Verskunst gut laben, ja gesundtrinken, aber auch meine Skepsis fand Nahrung. Und ich kann gar nicht sagen, was mir missfiel, vielleicht gerade das Ewige, das angeblich Überdauernde, es gehörte für mich in den Religionsunterricht. Und als ich älter wurde, mehr las, verglich, mir mein Urteil bildete, war es zu benennen, jedenfalls so ungefähr. Das heilignüchterne Wasser aus Hölderlins Gedicht Hälfte des Lebens sprudelte, wurde kanalisiert in eine brüchige Gegenwart, die Brücken schlägt über das Dunkle. In meinem Gedicht Mnemosyne von 1985 ist das Heilige getilgt. Oder hatte ich das berühmte Gedicht nur noch so ungefähr im Kopf?
Das nüchterne Wasser ist ausgetrunken
von nun an Tümpel, Fieber
im Nacken ausrasierter Fleiß.
Nein, ich werde nicht vermißt
(…)
Ja, alles, was heilignüchtern war, ist in den Brunnen gefallen.
Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei; nach jedem Dezember kommt wieder ein Mai, so hatte Lale Andersen 1942 im Durchhaltelied für die Heimatfront gesungen. Das „nordisch“ klingende Pseudonym war Programm. Und so sang und schunkelte man sich in die Nachkriegszeit, in die verlängerte Karnevalszeit, auch das habe ich noch im Ohr. Die Trivialisierung eines Lebensgefühls, eines Überlebensgefühls. Doch meines ist ganz anders: Ich erinnere mich an Radioapparate, Volksempfänger, auf denen ein gerahmtes Bildchen mit einem schwarzen Trauerrand stand, ein Portrait eines Bruders, eines Onkels, eines Ehemanns, eines verlorenen Bräutigams. Und immer trugen diese Männer, um die getrauert wurde, eine Uniform. Warum? Konnte nur im Kollektiv des geschlagenen Heeres getrauert werden, um Gefallene, nicht um Menschen, die Fußball gespielt hatten, mit denen getanzt worden war, die Malergesellen waren oder Korpsstudenten? Auch auf Hochzeitsbildern trugen die Männer meistens Uniform. Sie waren dann wohl Offiziere, zu denen eine junge Frau verliebt aufsah. Ich erinnere mich an Bombentrichter auf den Wiesen. Und mit der Zeit füllten sie sich mit Wasser, das im Sommer stank und die Mücken anzog. Es war den Kindern streng verboten, dort zu spielen. Wir sind noch einmal davongekommen.
Etwas blieb: Ich erinnere mich an das Sexta-Lesebuch, in dem als jüngstes, „modernstes“ Gedicht eines von Elisabeth Langgässer stand: Frühling 1946. Bis heute bin ich eine miserable Auswendiglernerin, auch meine eigenen Gedichte kann ich kaum zitieren und staune immer wieder neu über diese oder jene Zeile. Aber ich erinnere mich gut an die Kinderstimme, die natürlich beim Intonieren der Verse von Elisabeth Langgässer leierte.
Holde Anemone,
Bist du wieder da
Und erscheinst mit heller Krone
Mir Geschundenem zum Lohne
Wie Nausikaa?
(…)
Natürlich musste die Lehrerin erklären, wer Nausikaa war, und den Kindern ging‘s zum einen Ohr rein und zum anderen raus. O sieh Ophelia, dichtete Martha Saalfeld.
Noch vieles stellt sich ein:
Kastanien noch und Mandeln, Brot und Wein …
In eine Landschaft gebettet zu sein, auf Du und Du mit den Anemonen, dem Weidenröschen, der Spur des Feldhasen: Man hätte das Gras wachsen hören müssen. Das süße Gras heißt ein Erzählungsband von 1947, in kleinster Auflage erschienen. Doch man soll nicht in unwissende Larmoyanz verfallen. Nelly Sachs‘ wegweisender Gedichtband aus demselben Jahr In den Wohnungen des Todes, im Aufbau Verlag erschienen, musste zum größten Teil eingestampft werden. Das Gras wies wächst hieß dann ein Aufsehen erregendes Hörspiel von Franz Mon im Jahr 1969. Und ich hätte mir sehr viel früher Menschen um mich gewünscht, die nicht das Gras wachsen hörten, nicht die Anemonen, nicht das Weidenröschen, aber doch empfindlich waren für das Fehlende, Kaputte, Kaputtgemachte aus Gewinnstreben, Achtlosigkeit der Natur, der Architektur gegenüber, aus vollkommener Gleichgültigkeit der Zukunft der Städte, dem Planeten gegenüber. Das Gras ist längst verdorrt, die Pflanzen zwischen den Kräutern werden Unkraut genannt und dementsprechend vernichtet. Gegen die Dummheit ist kein Kraut gewachsen. Wo jetzt schon Wassermangel herrscht, wo er in einem Menschenalter herrschen wird, vielleicht unter unseren Füßen, vielleicht in der häuslichen Dusche — das ist erschütternd. Das Gras, das Gras, darauf kommt es nicht mehr an. Die Ohren hören das Rauschen des Plastikmeeres, auf dem die Geisterschiffe gleiten, darüber eine Plane, eine Gedächtnisplane, eine Verantwortungsplane.
Aus dem unergründlichen Archiv der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt erhielt ich das Blatt mit dem Antrag auf Zuwahl eines ordentlichen Mitglieds, luftig mit breiten Rändern, eine knappe Seite: Ich zitiere den ersten Satz: „Martha Vom Scheidt – Saalfeld ist verheiratet mit dem Maler vom Scheidt.“ Es folgt das Geburtsdatum, die Adresse, einige Preise werden genannt, ein Auszug aus ihrem Werkverzeichnis. Weiter: „Aufs Höchste geschätzt von Hermann Hesse, eingeführt in die Literatur durch Binding.“ Und dann ein langes Zitat von Elisabeth Langgässer. Das ist alles, was den drei unterzeichnenden Herren zu ihrer Kandidatin einfällt. Nicht viel Mühe haben sie sich gemacht. Und dass bei einer schätzenswerten Autorin, die zu Ehren kommen soll, zunächst einmal ihr Ehemann genannt werden muss, dabei muss man sich die Augen reiben. Heutige Anträge auf Zuwahl eines Akademie-Mitglieds sind ausgefeilter, werbender, origineller, manchmal sind es kleine Essays. Und dazu wird im Archiv jeweils eine Vorstellungsrede des neuen Mitglieds aufbewahrt, häufig sind es glanzvolle, funkelnde Miniaturen. Doch, so wurde mir versichert, vor 1961 gab es noch keine Vorstellungsreden, sehr schade.
Ich danke Ihnen für Ihre Anwesenheit, ich danke Petra Plättner, mit der ich so lange durch unsere gemeinsame Arbeit in der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur verbunden bin, ich danke dem Land Rheinland-Pfalz. Und die Fairness gebietet es, jüngeren Autoren und Autorinnen zuzurufen: Ich habe 1994 die Förderung des Martha Saalfeld-Preises erhalten, da lag die Uraufführung meines ersten Theaterstücks 20 Jahre zurück. Also Geduld, Geduld. Damals war es schwierig, mehr als das Lexikalische über Martha Saalfeld herauszufinden. Ich hatte mich lange genug mit dem Vergessen, mit dem Vergeuden weiblicher Kulturleistungen beschäftigt, Mittel und Wege erkundet, dem etwas gegenüberzusetzen. Umso besser, dass heute vieles nachlesbar ist, zu wägen, zu gewichten. Aber bestürzend ist auch in meinem schon ziemlich langen Leben, wie viel Zeit vergeht, wie mühsam es ist, etwas anzuschieben, wie mühsam, wieviel Langmut der Umgang mit Literatur und ihrer zeitweisen Lebendigkeit bedeutet. Die Rezeption eines Werkes lässt sich erleichtern, aber nicht forcieren. Schnell, schnell! hieß eines meiner Gedichte aus dem Jahr 1977, und ich wünsche mir, schnell, schnell wieder zum Glück des Schreibens, dem Kontinuum des Denkens und Dichtens zurückzukehren.
© Ursula Krechel