Musik erleben: Mit Peter und der Wolf feiert der erste Projektdurchlauf für fächerübergreifende Musikdidaktik seine Premiere
Rund 100 Kinder sitzen gebannt auf ihren Stühlen im historischen Ambiente des Kammermusiksaals der Landauer Festhalle und hören voller Eifer zu. Auf der Bühne: Das Orchester der RPTU in Landau geleitet von Universitätsmusikdirektor Olaf Meyer. Das Stück: Peter und der Wolf von Sergej Prokofjew. Dieses Konzert mit einem „echten Orchester in einem echten Konzertsaal“, wie es die jungen Besucherinnen und Besucher bezeichnen, ist der krönende Abschluss eines fächerübergreifenden Musikprojektes. Die Begeisterung der Kinder spricht ihre eigene Sprache und zeigt deutlich, dass Konzepte der Künste verbindenden Musikvermittlung ein Erfolgsrezept sind. Vor dem Konzertsaal tummeln sich Skulpturen aus Pappmaché, kleine Vögel, der Wolf und die Ente. An Stellwänden hängen kunstvolle Plakate, die mal die Geschichte vom Peter, dem Vogel und dem heldenhaften Fangen des Wolfes erzählen, mal eine Konzertankündigung zeigen. Den jungen Konzertbesuchern ist die Geschichte des Musikmärchens gut bekannt. Gemeinsam mit ihren Lehrkräften und der Kindermalschule „kuk.Kinder und Kunst. Malwerkstatt“ haben sie sich im Kunst- und Musikunterricht einige Wochen lang auf den abschließenden Konzertbesuch vorbereitet.
„Das musikdidaktische Projekt ‚Peter und der Wolf‘ ist die Premiere für viele weitere seiner Art“, sagt Oliver Weyrauch von der Arbeitsstelle für Musikkultur und Musikpädagogik. Das Konzept haben die Dozenten Weyrauch und Meyer gemeinsam entwickelt und es Landauer Grundschulen angeboten. „Das Ziel des Projektes ist, die musikalisch-kulturelle Teilhabe für alle Kinder zu fördern. Wie könnte das besser gelingen als über das multisensorielle Erleben“, erklärt Weyrauch weiter. Grundschulen bieten dabei den Vorteil, Kinder unabhängig von Herkunft oder Milieu zu erreichen.
Kultur wirkt auf sozialen Zusammenhalt
„Wir sehen eine immense Wichtigkeit in der Vermittlung von Musik als prägenden Teil einer kulturellen Identität. Wissenschaftliche Studien belegen, dass sich Teilhabe an Kultur stark auf die Herausbildung des sozialen Zusammenhalts in unserer Gesellschaft auswirkt, und darauf, welche Beziehungen Menschen zueinander und in einer Gesellschaft pflegen“, erklärt Oliver Weyrauch. Die Musikvermittlung in den Schulen in einem kulturstiftenden Maße zu gewährleisten, steht dann auf der Kippe, wenn Musiklehrkräfte Mangelware sind. Das sei momentan der Fall. „Natürlich sind insbesondere Lehrkräfte der Primarstufen dazu ausgebildet, alle Fächer zu unterrichten, aber Musik zu unterrichten ist kein einfaches Unterfangen. Die Vermittlung setzt ein Basisverständnis für Musik voraus und Grundkenntnisse über verschiedene, kindgerechte Werke oder beispielsweise in der Gesangsbildung“, so Weyrauch weiter.
Konzept überzeugt
Das jetzt erprobte Konzept ist ein voller Erfolg, sind sich Dozenten und Lehrkräfte der teilnehmenden Schulen einig. Susanne Marwitz, Lehrkraft an der Landauer Grundschule Süd erzählt, wie viel leichter die Kinder den Zugang zur Musik gefunden haben: „Wir haben im Kunstunterricht zum Thema mit den Kindern gearbeitet. Beim kreativen Werken mit den Händen haben sich die Kinder leicht für das Musikmärchen begeistern lassen. Unser persönliches Highlight war, dass uns die RPTU für den Zeitraum des Projektes einige Schulgeigen zur Verfügung gestellt hat. Es war sogar erlaubt, dass die Kinder sie mit nach Hause nehmen.“ Besonders das hätte einen tiefen Zugang zur Musik geschaffen. Das Gesamtkonzept aus fachübergreifender Vermittlung des Themas und dem Abschlusskonzert überzeugt Marwitz: „Ein Erlebnis wirkt wesentlich nachhaltiger als reiner Unterricht“, so die Lehrkraft weiter. „Ein echtes Becken ist eben ganz anders laut als wenn man nur eine Aufnahme hört.“
Wie wirksam der direkte Instrumentalkontakt mit der Geige war, lässt die Begeisterung einiger der jungen Konzertbesucher für das Instrument erahnen. Mina und Joaquin sind sich einig: „Wir wollen jetzt Geige lernen.“ Für Joaquin ist es das erste Konzert, das er erlebt – und er ist begeistert. „Das möchte ich gerne öfter erleben“, sagt er strahlend und erzählt im nächsten Atemzug, welche der Skulpturen von ihm sind und dass er den Ton vom Vogel am liebsten mag. Greta, eine Klassenkameradin der beiden sagt, dass ihr die Einführung direkt vor dem Konzert sehr gut gefallen und geholfen habe, die einzelnen Instrumente zu erkennen.
Materialkoffer erleichtert Vermittlung
Um den Lehrkräften die Vermittlung der musikalischen Inhalte im Unterricht zu erleichtern, haben Meyer und Weyrauch einen Materialkoffer geschnürt. In ihm enthalten sind kurze Fachtexte zur Musikvermittlung und Bücher über das Musikmärchen ‚Peter und der Wolf‘. „Mit dem Materialkoffer wollen wir zum einen Impulse geben, Musik mehr und fachübergreifend in den Unterricht zu integrieren und gleichzeitig die Lehrkräfte unterstützen, deren Studienfach nicht Musik war“, so Weyrauch.
Basiskompetenzen in der Vermittlung von Kunst und Musik werden den Bachelorstudierenden für Grundschullehramt über ein Wahlpflichtmodul Ästhetische und kulturelle Bildung vermittelt. „Es handelt sich dabei um ein Grundlagenmodul, das freiwillig im Master mit einem Basismodul vertieft werden kann. Mit unserem Materialkoffer können wir gut daran anknüpfen“, so der Musikdidaktiker weiter. Ein Spezialfach wie Musik müsse eben Unterstützung von außen erfahren, meint Weyrauch.
Kompetenzen bündeln, Netzwerke nutzen
Bereits im Jahr 2020 startete die Musikdidaktik in eine erste Kooperation mit der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz in Ludwigshafen. „Mit der Staatsphilharmonie konnten wir einen kompetenten Partner im Bereich der Musikvermittlung an unsere Seite holen“, sagt Meyer, der neben seiner Tätigkeit als Dozent das Universitätsorchester leitet. „Die Staatsphilharmonie bietet beispielsweise an, dass Schülerinnen und Schüler an Orchesterproben teilnehmen, analog oder digital. Zur Vorbereitung von deren Kinderkonzerten gibt es Lehrmaterialien und zum Erleben der Instrumente können Schulklassen oder Kindergartengruppen das Klangreich besuchen.
„Begonnen hat unsere Kooperation mit fachlicher Unterstützung bei der Erarbeitung unserer eigenen Kinderkonzerte. Auch für ‚Peter und der Wolf‘ wurden wir bei den Proben für das Konzert durch die Orchesterprofis unterstützt“, erzählt Meyer.
Mittlerweile ist aus der anfänglichen losen Kooperation ein Netzwerk mit festen Zielen geworden. Gemeinsam setzen sich die Kooperationspartner für die Verbesserung der Chancen auf musikalisch-kulturelle Teilhabe von Kindern und Jugendlichen ein. Teil der Kooperation sind die Arbeitsstelle für Musikkultur und Musikpädagogik der RPTU in Landau (ammp), die Universitätsmusik am Landauer Campus, die Landauer Gesellschaft für Musikkultur und Musikpädagogik sowie die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz in Ludwigshafen.
„Ich denke, dass wir durch das Bündeln der Kompetenzen und dem Nutzen des entstandenen Netzwerkes teilweise ausgleichen können, dass der Bereich der musikalisch-kulturellen Bildung, vor allem in den Schulen, durch Fachkräftemangel in diesem Bereich ins Hintertreffen geraten ist“, so Meyer. Musik als Teil der Gesellschaftsbildung und des sozialen Miteinanders müsse allen Menschen zugänglich sein und dürfe nicht zu einem Privileg einiger Gesellschaftsschichten werden. „Vor allem“, so Weyrauch, „weil erwiesen ist, dass musikalisch-ästhetische Bildung positive Transfereffekte auf das Sprachelernen und das Lernen im MINT-Bereich hat. Antje Valentin, Vizepräsidentin des Bundesmusikrates, hat es einmal auf den Punkt gebracht: ‚Musikalische Bildung hat ein besonderes Potenzial, Kinder zu fördern. Gemeinsames Musizieren stärkt die Fähigkeiten, einander zuzuhören, trainiert die Aufmerksamkeitsspanne der Kinder, fördert soziales Verhalten und somit den Zusammenhalt, sowie die individuelle Ausdrucks- und Wahrnehmungsfähigkeit‘“, schließt Weyrauch.
Text: Miriam Tsolakidis
Kontakt:
Arbeitsstelle für Musikkultur und Musikpädagogik
Dr. Olaf Meyer
E-Mail: olaf.meyer[at]rptu.de
Dr. Oliver Weyrauch
E-Mail: weyrauch.oliver[at]rptu.de

