Unsere RPTU Story

Fit für den späteren Beruf: Skills per Video trainieren

Kinder in der Schule
Fit für den Berufsalltag als Lehrerin oder Lehrer: Herausfordernde Unterrichtssituationen können an der RPTU vorab mithilfe von Videovignetten studiert werden. Foto: Colourbox.de

Um den Einstieg in den Lehralltag zu erleichtern und Sicherheit im Umgang mit schwierigen oder unklaren Unterrichtsmomenten zu vermitteln, sollte das theoretisch Erlernte idealerweise bereits vor dem Berufsstart praktisch trainiert werden. An der RPTU werden dafür digitale Videosequenzen genutzt, die jederzeit pausiert oder erneut abgespielt werden können. Michael Jan Lars Kastor, an der RPTU Mathematik-Lehramtsstudent, beschreibt einen spürbaren Trainingseffekt: Zu Beginn musste er die Videosequenzen drei- bis viermal ansehen, um die dazugehörigen Analysefragen sicher beantworten zu können. Mittlerweile reicht ein Durchgang: „Meine gefühlte Sicherheit ist deutlich gestiegen“, berichtet er.

Ein aus der Vogelperspektive gefilmtes Video zeigt eine Unterrichtsszene, in der vier Schüler im Mathematik-Unterricht an einer Aufgabe tüfteln. Dynamik entwickelt sich: Ein Schüler klinkt sich aus, ein anderer verfolgt eine falsche Lösung, am Ende bleibt Uneinigkeit. Wie sollte man als Lehrkraft in einer solchen Situation reagieren? Wann ist ein Eingreifen sinnvoll und in welcher Intensität? Braucht der sich ausklinkende Schüler Unterstützung oder ist er womöglich unterfordert und gelangweilt?

Steht ein angehender Lehrer oder eine angehende Lehrerin vor einer derartigen Szene, helfen die reinen Fachkompetenzen nur begrenzt. Gefragt sind didaktische Fähigkeiten, die sich dank eines Wechselspiels aus fachdidaktischer Theorie und konkreter Unterrichtspraxis entwickeln. Im späteren Unterrichtsalltag muss die Lehrkraft zeitgleich zur Einordnung einer solchen Unterrichtssituation den Fokus auf den Unterrichtsinhalt halten. Die Lehrkraft muss also in der Lage sein, eine Situation fachdidaktisch zügig zu erfassen und zu beurteilen, um lösungsorientiert und souverän reagieren zu können.

Das Ziel: Den Einstieg in den Lehralltag erleichtern

Wie aber lassen sich solch schwierige oder unklare Unterrichtsmomente vorab trainieren – und zwar, bevor man tatsächlich vor einer Klasse steht? Diese Frage stellte sich auch der RPTU-Mathematikdidaktiker Professor Jürgen Roth. Seine Idee: Angehende Lehrkräfte werden mit authentischen mathematischen Gruppenarbeitsprozessen von Lernenden konfrontiert und durch gezielte Aufgabenstellungen in ihrer Diagnose- und Lösungskompetenz geschult.

Damit die Studierenden Unterrichtssituationen aus einer Beobachterperspektive analysieren können, entschied sich Roth für digitale Videosequenzen, die jederzeit pausiert und erneut abgespielt werden können. Durch passgenaue Analyseaufgaben zu den Videosequenzen wird die Diagnosefähigkeit der teilnehmenden Studierenden geschult. Dies war die Geburtsstunde des Video-Tools ViviAn „Videovignetten zur Analyse von Unterrichtsprozessen“. Ziel ist die Diagnose verschiedener Unterrichtsszenen und ein professioneller Umgang damit schon vor dem Referendariat.

Intelligentes Trainingssystem

Zu Beginn bestand jede Vignette aus einer einzelnen Filmsequenz, dazu einem festen Fragenkatalog und einer hinterlegten Musterlösung – strukturiert, aber starr. Jede Vignette war ein eigenes Forschungsprojekt. Mit dem Einstieg von Marc Bastian Rieger hat sich das grundlegend verändert. Der Postdoc, ausgestattet mit einem Faible fürs Programmieren und einem hohen Anspruch an wissenschaftliche Qualität, baute die gesamte Plattform neu auf. Er entwickelt und programmiert ViviAn vollständig selbst und verantwortet auch die technische Weiterentwicklung der Homepage.

Auch die künftig verfügbare KI versorgt er mit geprüftem Expertenwissen. Marc Bastian Rieger trainiert sie ausschließlich mit wissenschaftlich validierten Inhalten und Daten. Externe Einflüsse, etwa aus frei verfügbaren Modellen oder dem offenen Internet, sind ausgeschlossen. Damit bleibt gewährleistet, dass das System fachlich sauber, didaktisch begründet und wissenschaftlich kontrolliert arbeitet.

„Die gefühlte Sicherheit steigt“

Die Wirksamkeit des Trainings lässt sich inzwischen auch empirisch nachvollziehen: „Wir können nachweisen, dass diejenigen, die mehr Zeit für die Videos aufwenden, bessere Noten schreiben“, sagt Rieger. 

Und auch aus der Studierendenschaft kommen entsprechende Rückmeldungen: Michael Jan Lars Kastor, Mathematik-Lehramtsstudent, beschreibt einen spürbaren Trainingseffekt. Zu Beginn musste er die Videosequenzen drei- bis viermal ansehen, um die Analysefragen sicher beantworten zu können. Mittlerweile reicht ein Durchgang. „Meine gefühlte Sicherheit ist deutlich gestiegen“, sagt er, „ich kann verschiedene Unterrichtssituationen jetzt wesentlich schneller einordnen und adäquat reagieren.“ Ein Zeichen dafür, dass Diagnosekompetenz tatsächlich trainierbar ist.

„Mit ViviAn füllen wir eine Lücke im Übergang zwischen Theorie und Praxis“, sagt Roth. Mittlerweile arbeiten über 60 Kursleiterinnen und Kursleiter mit ViviAn. Allein an der RPTU nutzen rund 500 Studierende das Tool regelmäßig. Die Nachfrage steigt: Dozierende unterschiedlicher Fachbereiche aus dem gesamten DACH-Raum ViviAn trainieren auf diese Weise bereits die Fähigkeiten ihrer Studierenden. Der sogenannte DACH-Raum umfasst Deutschland (D), Österreich (A) und die Schweiz (CH). Die hohen Zugriffszahlen werten die beiden Projektinhaber Roth und Rieger als einen Indikator für die Notwendigkeit von praxisnahem Diagnosetraining und digital gestütztem Kompetenzerwerb.

Und auch in der Lehrerfortbildung kommt ViviAn zum Einsatz: Roth nutzt das System in Workshops mit Lehrkräften, die auf diese Weise ihre Diagnosekompetenzen auffrischen und an aktuellen Beispielen weiterentwickeln können.

Weiteres Einsatzgebiet: Ausbildung angehender Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten

Längst ist ViviAn über die Grenzen der Mathematikdidaktik hinausgewachsen. In der Psychologie beispielsweise wird ViviAn in der Ausbildung angehender Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten eingesetzt: Sie analysieren Videovignetten, in denen fiktive Patientinnen und Patienten unterschiedliche therapeutische Gesprächssituationen simulieren, die anschließend fachlich reflektiert werden.

Weitere Informationen: Mithilfe von ViviAn die diagnostischen Fähigkeiten trainieren https://vivian.projects.rptu.de/

 

Kinder in der Schule
Fit für den Berufsalltag als Lehrerin oder Lehrer: Herausfordernde Unterrichtssituationen können an der RPTU vorab mithilfe von Videovignetten studiert werden. Foto: Colourbox.de