Unsere RPTU Story
Worte, die wachsen: vom stillen Texter zum deutschsprachigen Meister
Manchmal beginnen große Geschichten im Stillen. So auch bei RPTU-Studi Anuraj Sri Rajarajendran, der jahrelang nur für sich selbst schrieb und heute zu einer der bedeutendsten Stimmen der Poetry-Slam-Szene zählt. Entscheidend für seinen Werdegang war auch der Studiengang „Darstellendes Spiel“, wie er berichtet, denn so wurden sein Selbstbewusstsein und seine Präsenz nachhaltig geformt.
„Ich bin nicht so der Performer“, sagt er und lacht – eine Aussage, die jeder, der Anuraj Sri Rajarajendran schon einmal auf einer Bühne erlebt hat, so nicht stehenlassen würde. Schon als Jugendlicher verliebt er sich in den Hip-Hop, schreibt Texte mit Rhythmus und spielt mit Sprache – doch jahrelang bleiben die Worte nur in seinem Zimmer. Er traut sich nicht, sie zu veröffentlichen. Doch dann wagt er während der Corona-Pandemie den ersten Schritt und lädt einen eigenen Song in einem Social-Media-Portal hoch. Rückblickend war dieser Moment der Startschuss für all das, was folgte.
Auf der Suche nach einer Möglichkeit, seine Texte nicht nur zu schreiben, sondern auch zu teilen, stößt er auf einen Poetry-Slam in Speyer und meldet sich dort, ohne zu zögern, für einen Auftritt an. Ein weiterer Auftritt folgt in Landau. Sein Stil – eine Mischung aus Humor, Tiefgang und emotionaler Sprache – löst Begeisterung aus – und im Publikum sitzt eine Zuschauerin, die sein außergewöhnliches Potenzial erkennt: Anja Ohmer, Professorin des Zertifikatsstudiengangs „Darstellendes Spiel“ an der RPTU. Beeindruckt von seiner Präsenz spricht sie ihn an und lädt ihn ein, den Studiengang zu belegen.
Authentisch wirken – Selbstbewusstsein aufbauen
Für Anuraj ist schnell klar, dass er dabei sein will. Zu diesem Zeitpunkt studierte Anuraj Englisch und Geographie auf Lehramt und wählt bewusst das dritte Fach „Darstellendes Spiel“ dazu.
Darstellendes Spiel hat er bereits in der Schule gemocht – nun bekommt er erstmals die Chance, die Methoden hinter Körperpräsenz, Haltung, Ausdruck und Bühnenwirkung wirklich zu verstehen. Während Anuraj mittlerweile im Master studiert, sagt er rückblickend, der Studiengang habe seine Performance komplett verändert. Er habe gelernt, „sich selbst zu spüren“, wie Anja Ohmer es nennt: authentisch zu wirken, Selbstbewusstsein aufzubauen und seine Texte nicht nur vorzulesen, sondern zu performen. Und das in einem Wettbewerb, in dem jedes Detail zählt – Körperhaltung, Atem, Pausen und Stimme.
Anurajs Weiterentwicklung ließ nicht lange auf sich warten. Immer mehr Auftritte folgten, er gewinnt zahlreiche Slams, wird bei der Landesmeisterschaft zunächst Vierter, im nächsten Jahr Vizemeister – und schließlich Poetry-Slam-Meister.
In Rheinland-Pfalz bleibt sein Talent nicht lange unbemerkt: Veranstalter laden ihn ein, das Publikum wächst mit jedem Auftritt. Und nebenbei veröffentlicht er sein erstes Buch: eine Sammlung seiner Texte, die genau das widerspiegeln, was ihn ausmacht – Gefühle und Tiefgang mit einer Prise Humor versetzt.
Seine Texte entstehen „aus einem Gefühl heraus“
Aber wie entstehen diese genialen Texte eigentlich? Anuraj lacht angesichts dieser Frage, denn seine Antwort ist erstaunlich simpel: „Aus einem Gefühl heraus.“ Wenn ihm ein Gedanke kommt, notiert er ihn sofort, indem er ihn über Whatsapp an sich selbst schreibt. Und dann beginnt die Feinarbeit: Er testet neue Texte auf kleinen Slams und misst an der Publikumsreaktion, wie gut sie ankommen. Für große Wettbewerbe verbringt er mehrere Monate mit der Vorbereitung.
Vor seinen Auftritten sucht er die Ruhe, atmet tief durch, fährt den Puls herunter. „Ab dem Moment, in dem ich anfange zu sprechen, fällt die ganze Anspannung ab.“
Zur Poetry-Slam-Meisterschaft nach Südafrika
Im Jahr 2026 wird es besonders spannend, denn er reist zur Poetry-Slam-Weltmeisterschaft nach Südafrika. Dort gelten andere Regeln: teilweise nur drei Minuten Zeit, und alle Texte müssen auf Englisch sein. Für Anuraj ist das zwar eine neue Herausforderung, aber auch eine Chance, seine Arbeit weiterzuentwickeln und den Rest seines Studiums zu nutzen – immerhin studiert er Englisch auf Lehramt.
Anja Ohmer beobachtet seine Entwicklung mit Stolz. Für sie ist „Darstellendes Spiel“ weit mehr als nur Theater. Der Studiengang, der ästhetische Bildung, Didaktik, freie Theaterprojekte und intensive Körperarbeit vereint, soll Studierende stärken – unabhängig von dem weiteren Fach, das sie studieren.
Präsenz, Selbstsicherheit, Körpersprache, Auftreten vor Menschen, Durchsetzungsvermögen und die Fähigkeit, Schülerinnen und Schüler anzuleiten: All das sind Kompetenzen, die angehende Lehrerinnen und Lehrer im Alltag brauchen. Sie wünscht sich, dass der Studiengang künftig auch für Studierende des Grund- und vor allem auch des Förderschullehramts geöffnet wird, denn gerade dort brauchen Schülerinnen und Schüler besondere Begleitung und ein ganz eigenes Verständnis ihrer individuellen Lernsituation. Die künstlerische Arbeit ermögliche es, Jugendliche auf eine Weise kennenzulernen, die im regulären Unterricht kaum möglich sei.
Vielseitig einsetzbar: Skills aus dem Studiengang „Darstellendes Spiel“
Ohmer betont, dass jede und jeder teilnehmen könne – ganz ohne Bühnenerfahrung. Bei einem Eignungsworkshop gehe es ausschließlich darum, Lust zu haben, sich auszuprobieren und kennenzulernen. Technik, Bühne, Sprache – oder ganz andere Talente – all das könne man dort entdecken und ausbauen. Den Studiengang „Darstellendes Spiel“ kann man ab dem fünften Semester belegen oder „on top“, sogar, wenn das Studium schon längst beendet ist.
Später könne man nicht nur das Schulfach Darstellendes Spiel unterrichten oder eine Theater-AG an der eigenen Schule leiten – Professorin Anja Ohmer ist überzeugt davon, dass sich die erlernten Skills auch wunderbar in Fächern wie Biologie, Sport oder Mathe einbringen lassen und den Absolventinnen und Absolventen helfen, den Unterricht kreativer zu gestalten.
Anuraj sei für sie ein Paradebeispiel dafür, wie sichtbar diese persönliche Entwicklung sein kann. „Er hat ein Riesentalent, das weiterwachsen darf“, sagt sie. Gleichzeitig hofft sie, dass er trotz seiner Erfolge sein Lehramtsstudium nicht aus den Augen verliert.
Herausfinden, wer man ist und was man sein möchte
Für Anuraj selbst ist eines wichtig: „Man muss herausfinden, wer man ist und was man sein möchte.“ Sein Weg zeigt genau das. Er begann mit einem Gefühl, mit ein paar Worten, die er zunächst niemandem zeigte. Heute berührt er mit seinen Auftritten viele Menschen und reist zu internationalen Wettbewerben – und bleibt dabei jemand, der immer weiter lernen will.
Anurajs Geschichte inspiriert und motiviert, weil sie uns einmal mehr klarmacht: Kunst entsteht eben nicht durch angeborenes Können und angeborene Perfektion, sondern durch Mut. Mut, den ersten Text zu schreiben und zu veröffentlichen. Mut, auf eine Bühne zu treten. Mut, sich und seine eigenen Gefühle zu zeigen. Und vor allem den Mut, weiterzugehen, auch wenn man noch nicht weiß, wohin der Weg führt.
